Reinhold Würth, der 91-jährige Unternehmer und Patriarch der Würth-Gruppe, hat in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel eine deutliche Kritik an der aktuellen Reformdebatte in Deutschland geübt. Unter der Überschrift „Heute sitzt die Nation gesättigt auf dem Sofa“ beklagt er eine „apokalyptische Eigensucht“ in der Gesellschaft.
Die Antinomie der Reformdebatte
Würth beschreibt einen grundlegenden Widerspruch: Einerseits sei allen Bürgern bewusst, dass der Staat aufgrund der alternden Bevölkerung mehr Geld ausgebe, als er einnehme. Andererseits wolle niemand persönlich auf Leistungen verzichten. „Hebt man die Abstraktion Staat auf und akzeptiert, dass jeder einzelne Bürger der Staat ist, also ich selbst, dann ist offensichtlich, dass gespart werden muss – die Krux: Aber bitteschön nicht bei mir!“, schreibt Würth.
Diese Haltung bezeichnet er als „apokalyptische Eigensucht“ und „kurzsichtige, oft dümmliche Prinzipienreiterei“. Wenn es nicht gelinge, diese Einstellung zu überwinden, drohe der wirtschaftliche Niedergang des Landes.
Kritik an der Politik
Der Unternehmer übt auch scharfe Kritik an der aktuellen und vorherigen Bundesregierung. Diese stünden aus „meist kleinkarierten Parteiinteressen“ dem Staatswesen und dem Bürgersinn eher gleichgültig gegenüber. Würth, der die gesamte Geschichte der Bundesrepublik überblickt, erinnert an die Aufbruchstimmung der Nachkriegsjahre: „In den Gründungsjahren war die Freude über die neue Freiheit unglaublich groß. Und wichtig: Jeder hatte Ziele vor sich, das neue Fahrrad, das neue Auto, eventuell ein Haus, und heute? Heute sitzt die Nation gesättigt auf dem Sofa.“
Appell an Leistungsbereitschaft
Würth fordert, die optimistischen Leistungsaspekte der Jahre 1945 bis 1975 für die heutige Zeit zu adaptieren. „Vergessen wir die Tendenz ‚Ich, ich, ich, nur ich‘!“, appelliert er. Er zitiert das Volkslied „Hobellied“, um die Vergänglichkeit irdischer Güter zu verdeutlichen.
Vermissung starker Führungspersönlichkeiten
Abschließend vermisst Würth starke Macher und Entscheider in der Politik. Er fragt: „Wo sind heute die Helmut Kohls, Helmut Schmidts, Gerhard Schröders, in der Landespolitik Lothar Späths – das waren Männer, die vordergründig angefeindet, aber am Ende ob ihrer Regierungserfolge hochgelobt wurden.“ Er betont, dass das kollektive Volksgedächtnis wisse, dass Deutschland im freiheitlichen Frieden nur überleben könne, wenn die Europäische Union in demokratischer Freiheit eine glückliche Zukunft für die kommenden Generationen erarbeite.



