Das ZDF-Sommerinterview führt die SPD-Co-Vorsitzende und Arbeitsministerin ins Stadion ihres Heimatvereins MSV Duisburg. Dort gibt sich Bärbel Bas betont pragmatisch – ganz so, als hätten die jüngsten Umfragen, die ihre Partei teils unter 15 Prozent sehen, keinen Einfluss auf ihre Stimmungslage. Auch die Kritik aus den eigenen Reihen, die Diskussion um den Parteivorsitz und die mehr als drei Millionen Arbeitslosen scheinen die Duisburgerin nicht zu erschüttern. Stattdessen nutzt sie die Bühne, um sich als verlässliche Regierungsvertreterin zu präsentieren und dem Koalitionspartner eine klare Ansage zur Rentenpolitik zu machen.
Rentenstreit als willkommene Gelegenheit
Der akute Konflikt in der Union über die Zukunft der Rente mit 63 kommt Bas gerade recht. Schließlich war es die Sozialministerin selbst, die das von der Rentenkommission vorgelegte Paket als „Gesamtkunstwerk" bezeichnet hatte – und damit auch den Kanzler auf ihre Linie brachte. Eine Debatte über die teilweise höheren Kosten und die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren war damit zunächst vom Tisch. Doch nun haben drei ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten die Debatte neu entfacht, weil sie an dieser Form der abschlagsfreien Rente festhalten wollen – ausgerechnet an einer Errungenschaft, die einst auf Drängen der SPD eingeführt wurde und bis heute SPD-Beschlusslage ist.
„Das finde ich interessant", sagt Bas im Interview. „Da muss die CDU ihre Rolle klären." Für die in den eigenen Reihen umstrittene Parteichefin ist das ein willkommener Anlass, sich als sachorientiert und koalitionstreu zu zeigen. Zugleich räumt sie ein, dass die Empfehlungen der Rentenkommission für die SPD kein „Wunschergebnis" seien. Zumal die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner bereits angekündigt hat, die Rente mit 63 werde „mit Zähnen und Klauen" verteidigt. Doch diesen Hinweis lässt Bas unerwähnt, sie setzt lieber auf den Kompromisscharakter.
Die Wirtschaft als Argument
Die Ministerin verweist auf den intensiven Beratungsprozess, in dem „kluge Experten und Abgeordnete" viele Gedanken eingebracht hätten. Ausgerechnet die Wirtschaft führt sie als Begründung ins Feld, obwohl gerade sie in der Koalition häufig als Blockiererin wirtschaftsfreundlicher Vorhaben gilt. „Wenn uns die Wirtschaft sagt, dass es hier um Lohnnebenkosten geht, die zunehmend gestiegen sind, müssen wir jetzt auch dafür sorgen, dass das für alle wieder tragbar wird", sagt Bas. Es gehe darum, Arbeitsplätze zu sichern und künftige Kostensteigerungen zu vermeiden. Wer auf dem vergangenen Arbeitgebertag noch über die Sozialministerin gespottet haben mag, dürfte ob dieser marktwirtschaftlichen Töne überrascht sein.
Ob ihre argumentative Wendigkeit etwas mit ihrer Fußballvergangenheit zu tun hat? Als junge Frau spielte Bas auf der Position linksaußen, konnte allerdings nicht mit links schießen. „Ich musste mich immer umdrehen", erzählt sie lachend. Eine Anekdote, die das Bild der Pragmatikerin abrundet.
Zum Stolz: Rentenpaket und Bafög
Gleichwohl zeigt sich Bas an anderer Stelle stolz darauf, dass es die SPD war, die 2025 das erste Rentenpaket durchgesetzt hat – jenes Paket, das von Ökonomen als kostenintensive Zementierung des Systems kritisiert wird. Das hindert sie nicht daran, auf weitere sozialpolitische Erfolge zu verweisen: die verlängerte Mietpreisbremse, das Tariftreuegesetz und das Bafög. Dass Letzteres bereits 1971 unter Willy Brandt eingeführt wurde, blendet sie aus.
Immer wieder wirbt Bas um das Vertrauen von Arbeitern und jungen Leuten, die zunehmend zur AfD oder zur Linken abwandern. Die SPD sei das einzige Bollwerk gegen einen Sozialabbau, wie ihn die Union anstrebe. „Die SPD ist das einzige Stoppschild in dieser Regierung", betont sie und erinnert an die jüngsten Koalitionsausschüsse. Damals seien Karenztage, die Streichung der Lohnfortzahlung, der Kündigungsschutz und das Arbeitszeitgesetz zur Disposition gestellt worden. All das hätten die SPD-Minister verhindert. Deshalb sei es wichtig, dass die Partei in der Regierung bleibe.
Doppelrolle? Für Bas kein Widerspruch
Auch die anhaltende Kritik an ihrer Doppelrolle als Parteichefin und Ministerin lässt Bas nicht gelten. Schließlich hätten die Delegierten des Bundesparteitags sie und Lars Klingbeil in diese Positionen gewählt, als beide bereits Regierungsämter innehatten. Die Kritik sei Ausdruck allgemeiner Unzufriedenheit. Die Zeiten seien „extrem hart", so Bas – mit Kriegen in Europa, internationalen Zöllen, einer desaströsen Haushaltslage und dem technologischen Aufholprozess Chinas. Dagegen müsse die ganze Partei kämpfen, denn zwei Vorsitzende allein könnten das nicht stemmen.
Gerade sie sei aber auch dazu da, „ab und zu mal zu sagen, wo ein Stoppschild ist", um inhaltliche Differenzen deutlich zu machen. Sonst merkten die Menschen gar nicht, wer etwas durchgesetzt habe und wer der Kompromisspartner sei. Dass sich ihre beiden Rollen gegenseitig stören, streitet sie ab: „Nein, da verheddere ich mich nicht."
Ob die SPD mit diesem Kurs aus dem Umfragetief findet, ist offen. Bas selbst sendet jedoch Signale der Entschlossenheit und will die Agenda der Regierung weiter aktiv mitgestalten – auch wenn die kommenden Monate die eigentliche Bewährungsprobe bringen dürften.



