In der spanischen Enklave Ceuta hat sich die Stimmung nach dem beispiellosen Ansturm von Migranten massiv verschlechtert. Alejandro (39) steht vor seiner Wohnung – ein Schlagstock griffbereit in der Hand. Er ist einer von vielen Bewohnern, die sich inzwischen selbst bewaffnen, um ihr Zuhause zu schützen. Die Angst vor aufdringlichen jungen Männern, Diebstählen und Einbrüchen ist allgegenwärtig.
„Ständig kommen junge fremde Männer vorbei, sind aufdringlich. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres abwimmeln“, sagt Alejandro. Die Gitter an den Fenstern böten nur begrenzt Schutz. „Deshalb muss ich ständig den Schlagstock präsentieren, um sie zu verscheuchen.“ Vor seinem Haus patrouillieren Männer mit Hunden, andere Nachbarn haben sich mit Stöcken bewaffnet, um ihre Straßen zu kontrollieren.
Stimmung in der Exklave bleibt angespannt
Die Lage in der nordafrikanischen Exklave, die seit 1668 zu Spanien gehört, bleibt explosiv. In der 84.000-Einwohner-Stadt sind rund 57 Prozent der Bevölkerung christlich, 42 Prozent muslimisch. Von den rund 4.900 Einwohnern mit ausländischer Staatsbürgerschaft sind etwa 4.300 Marokkaner – das entspricht fast 90 Prozent. Die ohnehin enge Verbindung nach Marokko ist durch den Ansturm nun zusätzlich belastet.
Nach Angaben des spanischen Innenministeriums gelangten während des Ansturms bis zu 60.000 Menschen in die Enklave. 67 Menschen kamen dabei ums Leben, viele ertranken beim Versuch, ans spanische Ufer zu schwimmen. Zwar sind viele Migranten inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt, doch nach Schätzungen halten sich noch knapp 2.000 junge Männer in Ceuta auf. Die meisten von ihnen waren durch das Meer geschwommen – ihr Ziel ist das europäische Festland.
Händler beklagen eine finanzielle Katastrophe
Die wirtschaftlichen Folgen treffen die Geschäftsleute der Stadt hart. Fischhändler José (58) musste seinen Verkaufsstand zwei Tage lang schließen. „Es ist eine finanzielle Katastrophe für uns Händler. Wir wurden von allen Seiten bedrängt und angebettelt, die Kundschaft blieb aus“, klagt er. Statt zu verkaufen, hätten er und seine Kollegen die Stände gegen Übergriffe verteidigen müssen.
Straßenreiniger Miguel Ángel Campana beschreibt gegenüber AFP, wie sehr der Alltag inzwischen beeinträchtigt ist: „Uns geht langsam das Brot aus. Heute gab es kein frisches Brot, weil die Bäckereien geschlossen waren.“ Zudem hätten viele Bewohner Angst, dass Menschen in Wohnungen eindringen könnten. Seine Warnung: „Passt auf eure Balkone auf.“
Stadtfest abgesagt – Sicherheitskräfte scheinen abwesend
Besonders schmerzhaft: Das große Patronatsfest der Stadt, das vom 1. bis 8. August stattfinden sollte, wurde abgesagt. „Das ist normalerweise eine unserer wichtigsten Wochen im Jahr. Der Umsatz fällt jetzt komplett weg“, beklagt José. Für viele Händler ist das eine zusätzliche finanzielle Einbuße in einer ohnehin schwierigen Zeit.
Doch nicht nur wirtschaftliche Sorgen treiben die Menschen um. Cristina (46) sorgt sich vor allem um die Sicherheit ihrer Kinder. „Wir sind frustriert. Die Regierung hat uns mit all den illegalen Flüchtlingen im Stich gelassen“, sagt sie. „Von Sicherheitskräften war in unserer Nachbarschaft zwei Tage lang nichts zu sehen. Ich habe meine Kinder nicht draußen spielen lassen.“
Bewohner wachen nachts vor Angst
Taxifahrer Mohammed berichtet, dass viele Migranten desillusioniert zurückkehren. „Sie dachten, sie wüssten, was sie hier erwartet. Dann wurden sie mit der Realität konfrontiert“, sagt er. Er und seine Nachbarn seien aus Angst vor Diebstählen bis in die frühen Morgenstunden wach geblieben. Auch seine Nichten hätten Angst.
Anwohnerin Yolanda Moreno (56) bleibt lieber zu Hause. „Es war wie während der Pandemie: Man hatte das Gefühl, es sei besser, drinnen zu bleiben, als auf die Straße zu gehen.“ Diese Stimmung beschreibt das Lebensgefühl in Ceuta derzeit – zwischen Frust, Wut und tiefer Verunsicherung. Auf den Straßen ist inzwischen wieder Militär zu sehen: Eine Soldatin weist einen aufdringlichen Flüchtling zurück, wie ein Foto dokumentiert. Doch das Vertrauen der Bevölkerung ist erschüttert – viele fühlen sich von der Regierung allein gelassen und greifen zu Schutzmaßnahmen, um sich und ihre Familien zu sichern.



