Flüchtlinge in Ceuta: TikTok-Traum endet in Angst und Ernüchterung
Ceuta: TikTok-Traum endet in Angst

Sie kamen in Badelatschen, manche barfuß, viele ohne Geld und ohne Plan. In den vergangenen 72 Stunden haben schätzungsweise mehr als 50.000 Menschen die Grenze der spanischen Exklave Ceuta überwunden – die meisten schwammen an der Küste entlang, andere kletterten über den Grenzzaun oder fanden Lücken. Die Hoffnung: Videos auf TikTok und Instagram, die einen vermeintlich leichten Weg nach Europa versprachen. Die Realität: Angst, Erschöpfung und die Erkenntnis, dass hier kein Durchkommen ist.

SPIEGEL-Reporter vor Ort

Jan Petter, Reporter des SPIEGEL, hat junge Migranten in Ceuta getroffen. „Gerade hier, als wir dieses Video aufnehmen wollten, gab es hinter uns ein Handgemenge“, berichtet er. „Man merkt, was für eine Spannung hier auf dieser Stadt liegt.“ Hinter ihm liegt der Grenzzaun zu Marokko – jenes Hindernis, das in den vergangenen Tagen von Zehntausenden überwunden wurde. „Diese Hoffnung hat sich nicht bewahrheitet“, sagt Petter. „Bislang ist niemand von hier auf das europäische Festland gekommen.“

Ein 16-Jähriger kehrt um

Besonders deutlich wird das Scheitern der Hoffnungen an einem 16-jährigen Jungen, den Petters Team kurz darauf am Zaun trifft. Er ist mit seinen Freunden wieder nach Marokko zurückgekehrt. „Er hat gesagt, er würde das nie wieder tun“, erzählt der Reporter. „Er hat um sein Leben gefürchtet. Im Wasser wurde er nach unten gedrückt.“ Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet der Jugendliche: „Ängstlich. Mir geht es nicht gut, aber …“ Und er fügt hinzu: „Ich habe keine Arbeit in Marokko. Ich bin hier für meinen Traum.“ Der Traum ist jedoch geplatzt.

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TikTok als Treiber der Massenflucht

Viele der Ankömmlinge, so Petter, seien völlig spontan aufgebrochen – ohne Vorbereitung, ohne Rückhalt. „Teils in Badelatschen, teils barfuß, oft mit ganz wenig Geld“, beschreibt er. „Komplett unorganisiert. Manche haben ihren Eltern gar nicht Bescheid gesagt, als sie auf TikTok oder Instagram gesehen haben, dass man hier angeblich nach Europa kann.“ Die sozialen Netzwerke haben eine Sogwirkung entfaltet, die junge Menschen in Marokko und anderen afrikanischen Ländern in einen gefährlichen Irrglauben stürzt. Doch die Versprechen der Videos erweisen sich vor Ort als Illusion.

Erschöpfung statt Perspektive

Die Realität in Ceuta sieht anders aus: Geschäfte sind geschlossen oder völlig ausverkauft, Unterkünfte fehlen. Viele Migranten haben keine Zukunftsperspektive. „Die meisten sind nach ein bis zwei Tagen in Parks und am Strand völlig müde und erschöpft und wollen zurück“, so Petter. Die Behörden reagieren mit einer Mischung aus Ruhe und Entschlossenheit. „Die Polizei bemüht sich zwar, ruhig mit den Leuten umzugehen, aber sie begleitet sie dennoch sehr unmissverständlich zur Grenze.“ Der internationale Druck auf Spanien ist dabei enorm, wie der Reporter betont.

Zeugen des Ansturms

Wer die spanische Seite von Ceuta betritt, staunt über die Ordnung. „Alles ist picobello aufgeräumt, komplett sauber“, beschreibt Petter. Dahinter liege der Zaun – und dort sammeln sich die Spuren der Massenbewegung: Tausende Schwimmreifen, Schwimmflügel, Plastiktüten, Schuhe und Schwimmwesten. „Man sieht, wie bemüht man hier ist, so schnell wie möglich aufzuräumen“, sagt er. Die Exklave versucht, zur Normalität zurückzukehren – doch die Erinnerung an jene 72 Stunden, in denen Zehntausende versuchten, nach Europa zu gelangen, wird bleiben.

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