Die extreme Hitzewelle in Deutschland hat bereits im Juni Rekordtemperaturen von über 41 Grad an drei aufeinanderfolgenden Tagen gebracht. Laut Diplom-Meteorologe Dominik Jung von Wetter.net ist dies erst der Anfang: „Das war erst der Anfang.“ Bis Mitte Juni registrierte das Robert-Koch-Institut 810 Hitzetote. Zum Vergleich: In den 1950er Jahren gab es in Deutschland nur zwei Hitzetage (über 30 Grad) pro Jahr, 2022 waren es bereits mehr als 17. In diesem Jahr wurden bereits neun solcher Tage verzeichnet, und der Wert von 2022 wird voraussichtlich übertroffen.
Politik: Zuständigkeit und Finanzierung
Die politische Verantwortung für Hitzeschutz ist ungeklärt. Regierungssprecher Stefan Kornelius lehnt ab, das Thema zur Chefsache zu machen: Kanzler Merz sehe keinen großen Handlungsbedarf. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verweist auf die Länder und Gemeinden und betont, der Bund habe ausreichend Gelder aus dem Sondervermögen bereitgestellt. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) widerspricht: Es bestehe eine Investitionslücke von über 230 Milliarden Euro für Schulen, Straßen und Sporthallen, und die zusätzlichen 66 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen reichten „nicht einmal annähernd“ aus. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge kritisiert: „Die brutale Hitzewelle hat zu vielen Hitzetoten geführt und trotzdem schweigt Friedrich Merz beharrlich dazu.“ Sie vermisst Dank an Pflege- und Rettungskräfte und bemängelt, dass Hitze beim Koalitionsausschuss am Mittwoch kein Thema war.
Krankenhäuser und Pflegeheime
Ein Pflegeangehöriger beklagt in BILD: „Wie kann es legal sein, alte Menschen und Demenzkranke so der Hitze auszusetzen? Getränke zur Abkühlung reichen doch nicht aus.“ Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, fordert in BILD eine schnelle Nachrüstung von Gebäuden: Bei Neu- und Umbauten müssten „alle Möglichkeiten wie Klimatisierung oder Verschattung mitdenken“. Pflegebevollmächtigte Katrin Staffler (CSU) gibt jedoch an, dass Geld für Klimaanlagen in Pflegeheimen und Kliniken fehle. Der DStGB fordert daher ein Hitzeregister nach französischem Vorbild, in dem alle Menschen erfasst sind, die bei Hitze besondere Hilfe benötigen.
Infrastruktur: Autobahnen und Wasserstraßen
Die Hitze führte zu erheblichen Schäden an der Verkehrsinfrastruktur. Die Autobahn-Gesellschaft musste stellenweise zweimal täglich Strecken kontrollieren; Betondecken sprangen auf, Asphalt verformte sich. Zahlreiche Autobahnen waren gesperrt, darunter die frisch sanierte A4 bei Bergisch Gladbach (NRW). Die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen fordert neue Asphaltmischungen, die sowohl Hitze als auch Minusgraden standhalten. In Hessen rückte der Winterdienst aus, um Autobahnen zu kühlen und Fahrbahnschäden zu vermeiden. Auch die Wasserstraßen sind betroffen: Der Tiefstand des Rheins erreichte im Oktober 2018 mit 24 Zentimetern einen Jahrhundertwert, der laut Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes einen wirtschaftlichen Schaden von 2,4 Milliarden Euro verursachte. Der Ausbau der Fahrrinne soll erst 2033 abgeschlossen sein, was vor allem die Chemie-, Stahl- und Mineralölbranche entsetzt.
Öffentlicher Nah- und Fernverkehr
Nur 52,6 Prozent der Fernzüge kamen im Juni pünktlich – die Bahn macht die Hitze verantwortlich. Der Konzern riet Kunden, auf Bahnfahrten zu verzichten, aus Angst vor Ausfällen von Klimaanlagen und Böschungsbränden. Laut Pro Bahn ist nur jeder dritte Zug für Hitze gewappnet, insbesondere ältere ICE-Modelle nicht. In vielen Städten ächzen U-Bahnen ohne Klimaanlagen; Nachrüstungen sind oft nicht möglich, da die Tunnel zu eng sind, etwa in Berlin. In Leipzig halfen Dutzende Freiwillige, verklebte Straßenbahnen wieder flott zu bekommen, nachdem sich Fugenmasse wegen der Hitze auf den Gleisen verteilt hatte.
Innenstädte: Glühende Hitzeinseln
Viele Innenstädte sind nicht für heißes Klima gebaut: Es fehlen Bäume, Wasserflächen, helle Fassaden und öffentliche kühle Orte. In Köln mussten sieben Menschen aus Dachgeschosswohnungen gerettet werden – alle lebensbedrohlich überhitzt. Die Merz-Koalition will laut Koalitionsvertrag mehr „blau-grüne Infrastruktur“: Blau steht für Wasserflächen, die bei Starkregen Wasser aufnehmen und bei Hitze zur Kühlung abgeben, Grün für mehr Bäume. Laut ARD-Deutschlandtrend sind 90 Prozent der Deutschen für mehr Hitzeschutz-Investitionen. Die Zeit drängt: In Spanien werden bereits wieder bis zu 42 Grad erwartet, und Ende kommender Woche soll diese Marke auch in Deutschland wieder erreicht werden.



