Die Wochenzeitung „Al-Nabaa“ ist das zentrale Propagandawerkzeug des „Islamischen Staates“ (IS). Sie erscheint wöchentlich und wird über das Internet verbreitet. In ihren Beiträgen ruft die Redaktion offen zu Anschlägen auf. Eine aktuelle Ausgabe macht die Strategie besonders deutlich: „Der Tod im Bett ist der schlechteste“, heißt es dort. Mit solchen Formulierungen sollen Anhänger dazu gebracht werden, ein gesichertes Leben aufzugeben und stattdessen einen tödlichen Angriff zu verüben.
Das Blatt richtet sich damit gezielt an Sympathisanten in Europa. Es liefert nicht nur ideologische Begründungen, sondern auch praktische Hinweise. Die Artikel sind so aufgebaut, dass sie als direkte Handlungsanweisungen verstanden werden können. Die Inhalte werden bewusst einfach gehalten, damit sie von möglichst vielen Lesern nachvollzogen werden können. Auf diese Weise übernimmt „Al-Nabaa“ eine zentrale Funktion bei der Steuerung von Anschlägen.
Bekennervideo nach dem CSD-Anschlag
Die Relevanz dieser Strategie zeigt sich nach dem Anschlag auf eine Christopher-Street-Day-Veranstaltung. Ermittler fanden auf dem Handy des Attentäters ein Bekennervideo. Darin erklärt der Täter seine Tat und begründet sie mit der IS-Ideologie. Der Fund passt zu dem Muster, das die Terrororganisation seit Jahren verfolgt: Täter sollen ihre Gewalttaten selbst dokumentieren, um weitere Nachahmer zu motivieren.
Zusätzlich zu dem Video stellten die Fahnder weitere Aufnahmen sicher. Bei diesen Videos wurde eine KI-generierte Stimme verwendet. Das bedeutet, dass die Stimme in den Aufnahmen nicht zwingend von einer echten Person stammt. Sie wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erzeugt, vermutlich um die Identität des Sprechers zu verschleiern. Die Behörden müssen nun prüfen, ob der Inhalt der Videos authentisch ist und wie die KI-Stimmen hergestellt wurden.
KI-Stimmen erschweren die Ermittlungen
Der Einsatz von KI-Stimmen ist ein neuartiges Phänomen in der Terrorpropaganda. Für Sicherheitsbehörden entsteht dadurch eine erhebliche Herausforderung. Automatisch erzeugte Stimmen lassen sich nicht ohne Weiteres einer konkreten Person zuordnen. Dadurch wird die Auswertung von Videobotschaften deutlich aufwendiger. Zudem können gefälschte Stimmen dazu genutzt werden, falsche Bekenntnisse zu verbreiten oder Verwirrung zu stiften.
Hinzu kommt, dass solche Videos leicht herzustellen sind. Es gibt inzwischen vielfältige Programme, mit denen sich realistische Stimmen generieren lassen. Die Verbreitung erfolgt über Messengerdienste und soziale Netzwerke, auf denen die Inhalte nur schwer zu kontrollieren sind. Die Ermittler müssen daher neue Methoden entwickeln, um die Herkunft solcher Videos zu überprüfen und die tatsächlichen Urheber zu identifizieren.
Die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz machen die Arbeit der Strafverfolger nicht einfacher. Sie stehen vor der Aufgabe, zwischen echten Bekenntnissen und manipulierten Inhalten zu unterscheiden. Gleichzeitig müssen sie verhindern, dass die Propaganda des IS weiterhin Menschen radikalisiert. Die KI-Technologie verschafft der Terrororganisation damit einen Vorsprung, der schwer aufzuholen ist.
„Al-Nabaa“ als Steuerungsinstrument
Die Wochenzeitung „Al-Nabaa“ dient dem IS als eine Art Betriebsanleitung für den Dschihad. Sie erklärt, warum Angriffe nötig sind, wie sie durchgeführt werden sollen und welches Ziel verfolgt wird. Die Redaktion versteht es, aktuelle Ereignisse aufzugreifen und in ihren Sinnzusammenhang einzuordnen. Dabei wird immer wieder betont, dass der Tod bei einem Anschlag einem Leben im „Unglauben“ vorzuziehen sei.
Die Strategie scheint aufzugehen. Der CSD-Anschlag zeigt, dass die Propaganda auch in Deutschland Wirkung entfaltet. Die Ermittler prüfen derzeit, ob der Attentäter durch die Lektüre von „Al-Nabaa“ beeinflusst wurde. Ein endgültiger Beweis liegt noch nicht vor, aber die gefundenen Videos lassen diesen Schluss zu.
Konsequenzen für die Sicherheitspolitik
Der Fall macht deutlich, dass die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus nicht abgenommen hat. Im Gegenteil: Die Online-Propaganda wird immer ausgefeilter. Der IS nutzt technologische Entwicklungen wie KI-Stimmen, um die Strafverfolgung zu erschweren. Die Behörden in Deutschland und Europa müssen ihre Überwachungsmethoden anpassen und enger zusammenarbeiten.
Gleichzeitig gewinnt die Verantwortung der Internetplattformen an Bedeutung. Sie müssen schneller auf terroristische Inhalte reagieren und diese löschen. Die Verbreitung von Propaganda darf nicht weiterhin ungehindert möglich sein. Die Politik ist gefordert, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Behörden wirksame Werkzeuge an die Hand geben – ohne dabei die Grundrechte der Bürger zu beschneiden.
Die Ereignisse rund um den CSD-Anschlag sind ein Warnsignal: Der IS hat seine Kommunikation modernisiert und nutzt alle verfügbaren Mittel, um Anschläge zu initiieren. Die Sicherheitsbehörden müssen Schritt halten, wenn sie die Bevölkerung schützen wollen. Der Kampf gegen den Terror wird zunehmend auch im digitalen Raum geführt.



