Der Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin hat den Islamischen Staat (IS) schlagartig zurück in die öffentliche Wahrnehmung katapultiert. Dabei galt die Terrormiliz militärisch längst als besiegt. Doch der jüngste Anschlag zeigt: Der IS braucht kein eigenes Staatsgebiet mehr, um weltweit Angst und Schrecken zu verbreiten.
Vom Territorialstaat zum transnationalen Terrornetzwerk
Vor rund zehn Jahren, im Jahr 2017, kontrollierte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ weite Gebiete in Syrien und im Irak. Die Herrschaft war geprägt von brutaler Gewalt, öffentlichen Hinrichtungen, Folter und der Versklavung von Minderheiten. Das selbsternannte „Kalifat“ erstreckte sich zeitweise über eine Fläche so groß wie Großbritannien. Millionen Menschen lebten unter der Terrorherrschaft, während die internationale Gemeinschaft mit einer Koalition aus Luftangriffen und Bodenoffensiven gegen die Dschihadisten vorging.
Doch der militärische Zusammenbruch des „Kalifats“ im Jahr 2019 bedeutete nicht das Ende der Organisation. Die Strukturen wandelten sich: Statt eines zentral gesteuerten Territorialstaats agiert der IS heute als globales Netzwerk aus regionalen Ablegern, Untergrundzellen und radikalisierten Einzelpersonen. Diese neue Form der Organisation macht die Bekämpfung erheblich schwieriger.
Die neue Strategie: Dezentral und digital
Nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden verfolgt der IS heute eine Doppelstrategie. Einerseits nutzt er schwache Staaten und Bürgerkriege aus, um in Regionen wie der Sahelzone, in Somalia oder in Afghanistan Fuß zu fassen. Andererseits setzt er auf Propaganda über soziale Medien, um einsame Täter zu radikalisieren und zu Anschlägen zu animieren. Diese sogenannten „lone wolves“ benötigen keine Befehle aus einer Zentrale – sie handeln eigenständig im Namen der Ideologie.
Besonders deutlich zeigte sich das bei dem jüngsten Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin. Die genauen Hintergründe waren zunächst unklar, doch die Ermittler gehen nach ersten Erkenntnissen von einem islamistischen Motiv aus. Der Anschlag reiht sich ein in eine Serie von Attacken in Europa, bei denen der IS zwar nicht unmittelbar als Drahtzieher auftrat, aber durch seine Propaganda den ideologischen Rahmen lieferte.
Eine globale Bedrohung, die nicht an Grenzen haltmacht
So ist der IS heute in zahlreichen Regionen aktiv. Der Ableger „Islamischer Staat in der Provinz Khorasan“ (ISPK) hat sich in Afghanistan etabliert und gilt als eine der größten Terrorgefahren für den Westen. In Afrika expandieren IS-nahe Gruppen in der Sahelzone und verüben dort Massaker an der Zivilbevölkerung. Auch in Europa schlafen die Zellen nicht: Mehrere vereitelte Anschlagspläne in Deutschland, Frankreich und Österreich wurden in den letzten Jahren auf Verbindungen zum IS zurückgeführt.
Die Sicherheitsbehörden in Deutschland haben auf die neue Bedrohungslage reagiert. Die Terrorabwehr operiert mit erhöhter Wachsamkeit, nutzt künstliche Intelligenz zur Auswertung von Online-Kommunikation und arbeitet international enger zusammen. Dennoch bleibt die Gefahr abstrakt und real zugleich: Sie ist schwer zu berechnen, weil sie nicht mehr an konkrete Rückzugsgebiete gebunden ist.
Was bedeutet das für den Kampf gegen den Terror?
Der Anschlag auf den CSD in Berlin hat verdeutlicht, dass der IS auch ohne Kalifat eine ernste Bedrohung darstellt. Die Terrormiliz hat gelernt, sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Statt eines sichtbaren Staatsgebildes, das man bombardieren kann, ist sie heute ein dezentrales Netzwerk aus Ideologen, Schlafzellen und digitalen Predigern.
Für die Politik bedeutet das: Der Kampf gegen den IS muss auf mehreren Ebenen geführt werden. Neben der militärischen Bekämpfung regionaler Ableger sind ebenso Maßnahmen gegen Radikalisierung im Internet, der Schutz weicher Ziele und die Stärkung internationaler Kooperationen erforderlich. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass ein reiner Territorialsieg nicht ausreicht, um eine Ideologie zu besiegen, die sich längst von staatlicher Kontrolle emanzipiert hat.
Der Anschlag auf den Christopher Street Day ist damit nicht nur ein Angriff auf die queere Gemeinschaft, sondern auch ein Weckruf an die gesamte Gesellschaft. Die Gefahr durch den IS ist nicht vorbei – sie hat nur ihre Gestalt verändert.



