Ukrainische Angriffe auf Russland
Die ukrainischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben in der Nacht zum Sonntag eine Ölraffinerie und einen Militärflugplatz in der Region Saratow im Südwesten Russlands attackiert. Der Generalstab in Kiew teilte mit, dass in beiden Anlagen Brände ausgebrochen seien. Zudem hätten die Streitkräfte ein Öldepot in der westlichen Region Kaluga unter Beschuss genommen.
In der Region Saratow wurden bei den ukrainischen Drohnenangriffen nach Angaben von Gouverneur Roman Bussargin zwei Menschen getötet. Wie er auf Telegram mitteilte, wurde zudem zivile Infrastruktur in Saratow und Engels beschädigt. In Engels sei ein mehrstöckiges Wohnhaus getroffen worden, wobei zwei Menschen ums Leben kamen. Auf sozialen Medien kursierten nicht verifizierbare Aufnahmen, die ein Feuer auf dem Gelände der Raffinerie in Saratow zeigen. Die Anlage war bereits mehrfach Ziel ukrainischer Gegenangriffe. In Engels befindet sich einer der größten Luftwaffenstützpunkte Russlands, von dem aus strategische Bomber zu Raketenangriffen auf ukrainische Städte starten.
Erneut geriet auch ein Logistikzentrum des größten russischen Online-Händlers Wildberries unter Drohnenbeschuss, diesmal in der Region Samara. Das Unternehmen bestätigte den Angriff und sprach von einem ausgebrochenen Feuer. Verletzte habe es nicht gegeben. Die Ukraine hatte in den vergangenen Wochen wiederholt Lagerhäuser von Wildberries attackiert.
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, in der Nacht seien insgesamt 635 ukrainische Drohnen über russischem Gebiet und der annektierten Halbinsel Krim abgewehrt worden. Unabhängig überprüfbar sind diese Zahlen nicht, sie deuten jedoch auf eine hohe Intensität der Angriffe hin.
Selenskyj fordert mehr Luftverteidigung
Nach dem erneuten russischen Raketenangriff auf Kiew forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dringend die Lieferung von Patriot-Flugabwehrraketen. „Wir brauchen Antworten auf diesen russischen Terror, echte Antworten von der Welt“, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache. Die einzig gerechte Antwort sei die Unterstützung Kiews bei der Abwehr russischer Raketen.
Bei dem Angriff auf die Hauptstadt in der Nacht zuvor waren nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko mindestens neun Menschen getötet und mehr als 30 verletzt worden, darunter vier Minderjährige. Selenskyj zufolge feuerte Russland 35 Raketen und 185 Drohnen ab. Nur eine ballistische Rakete habe abgefangen werden können, weil es an Raketen für Patriot-Systeme fehle. Er appellierte an die Partnerländer, die vorhandenen Mittel nicht für hypothetische Szenarien zu horten, sondern jetzt in der Ukraine einzusetzen.
Angriffe auf die Südukraine
Im Süden der Ukraine setzte Russland seine Angriffe fort. Bei einem Luftangriff auf die Region Cherson wurden nach Angaben des Chefs der regionalen Militärverwaltung, Olexander Prokudin, mindestens eine Bewohnerin getötet und sieben weitere Personen verletzt. Der Angriff sei von Artillerie begleitet worden, etliche Gebäude und Fahrzeuge seien beschädigt worden. In Nikopol in der Region Dnipro verletzte ein Drohnenangriff auf einen Minibus sieben Insassen. Der regionale Militärverwalter Olexander Ganscha sprach von einem „gezielten und zynischen Angriff auf Zivilisten“.
Das russische Verteidigungsministerium meldete unterdessen, eigene Streitkräfte hätten Treibstofftanks im Hafen von Odessa sowie einen Schlepper im Hafen von Mykolajiw angegriffen. Der Treibstoff und das Schiff seien für die ukrainische Armee bestimmt gewesen, hieß es unter Berufung auf das Ministerium.
Atomkraftwerk Saporischschja und weitere Entwicklungen
Das von russischen Kräften besetzte Atomkraftwerk Saporischschja hat nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zum 23. Mal seit Kriegsbeginn seine externe Stromversorgung verloren. Die Ursache des fast zweistündigen Ausfalls sei noch unklar, teilte die Behörde mit.
Präsident Selenskyj meldete zudem Angriffe auf die Infrastruktur von drei Ölraffinerien in der Region Baschkortostan, rund 1.600 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Außerdem hätten ukrainische Truppen das mit Sanktionen belegte russische Containerschiff „Yanina“ mit einer Kapazität von mehr als 100.000 Tonnen versenkt und weitere Ziele im Schwarzen und Asowschen Meer getroffen. Der russische Atomkonzern Rosatom bestätigte den Untergang eines eigenen Schiffes durch einen ukrainischen Drohnenangriff. Die 17 Besatzungsmitglieder seien unversehrt, teilte Rosatom-Chef Alexej Lichatschow mit.
Russland meldete unterdessen die Einnahme zweier weiterer ukrainischer Dörfer: Olgiwka in der Region Charkiw und Ljubytske in der Region Saporischschja. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte, über der Hauptstadt seien vier Drohnen abgeschossen worden.
Getreideexporte bedroht
Die russische Getreidelobby warnte vor einem Stopp der Exporte über das Schwarze Meer infolge ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Schiffe und Häfen. Dies könne zu einer „vollständigen Blockade der Exportkorridore“ führen, teilte der Verband der russischen Getreideexporteure und -produzenten mit. Ein Ausfall von 30 bis 35 Millionen Tonnen russischen Weizens entspräche etwa 15 Prozent des weltweiten Weizenhandels. Die Störung der Schifffahrt stelle eine direkte Bedrohung für die globale Ernährungssicherheit dar und könnte Hungersnöte in Afrika und im Nahen Osten auslösen.
In Polen wurde ein abgestürztes Flugobjekt als russischer Marschflugkörper vom Typ Ch-101 identifiziert. Vizeverteidigungsminister Cezary Tomczyk sagte, die Rakete sei beim Aufprall explodiert. Der Absturzort nahe dem Dorf Tarnawa-Kolonia liegt rund 90 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. Verletzt wurde niemand. Die Nato aktivierte als Reaktion Luft- und Bodenverteidigungskräfte.



