Die ukrainische Armee hat nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj ein zur russischen Atombehörde Rosatom gehörendes Containerschiff im Schwarzen Meer versenkt. Mindestens zwei ukrainische Drohnen hätten die „Yanina“ nahe dem Hafen Noworossijsk getroffen, erklärte Rosatom am Samstag. Die 17-köpfige Besatzung musste das Schiff verlassen. Das von der Fesco-Tochter betriebene Schiff war nach Angaben der Atombehörde mit zivilen Gütern wie Tiefkühlwaren und Baumaterialien beladen und befand sich auf dem Weg von Indien nach Russland.
Rosatom-Chef spricht von „Piraterie“
Rosatom-Chef Alexej Lichatschew verurteilte den Angriff auf das Schiff als „Piraterie und Raub auf See“. Hinweise darauf, dass die „Yanina“ Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Atombereich ausgeführt habe oder nukleares Material an Bord gehabt habe, gab es zunächst nicht. Selenskyj bestätigte auf Telegram, dass das sanktionierte Containerschiff mit einer Kapazität von mehr als 100.000 Tonnen versenkt worden sei. Er kündigte zugleich weitere Treffer auf russische Infrastruktur an: Drei Ölraffinerien in der Region Baschkortostan, rund 1.600 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, seien angegriffen worden. Auch Logistikeinrichtungen in den Regionen Sarapul, Kasan und Wolgograd sowie ein Seehafen in der Region Krasnodar seien ins Visier genommen worden.
In der Nacht sollen weitere Ziele in Russland angegriffen worden sein: Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte mit, vier Drohnen seien über der Hauptstadt zerstört worden. Über mögliche Schäden wurde zunächst nichts bekannt.
Schwerer russischer Angriff auf Kyjiw
Unterdessen hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kyjiw in der Nacht erneut mit ballistischen Raketen angegriffen. Nach Behördenangaben kamen mindestens neun Menschen ums Leben, mehr als 30 wurden verletzt, darunter zwei Teenager. Der Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete auf Telegram von Schäden an Wohnhäusern und Gewerbegebäuden in mehreren Bezirken sowie von brennenden Autos. Ein fünfstöckiges Wohnhaus wurde durch herabstürzende Raketentrümmer beschädigt; zeitweise waren Menschen eingeschlossen. AFP-Journalisten berichteten von mehr als zehn aufeinanderfolgenden Explosionen, deren Wucht zahlreiche Autoalarmanlagen auslöste.
Laut Selenskyj feuerte Russland insgesamt 35 Raketen und Marschflugkörper sowie 185 Drohnen ab. Unter den Raketen seien 27 ballistische gewesen. Von diesen konnte nach seinen Worten nur eine abgefangen werden – „einfach weil es keine Raketen für Patriot-Systeme gibt“. Ballistische Raketen gelten als besonders schwer abzuwehren; wirksamen Schutz bieten nur moderne Patriot-Systeme. Selenskyj appellierte an die Partner: „Abwehrraketen werden nicht in Lagern für hypothetische Szenarien gebraucht, sondern jetzt in der Ukraine.“ Attackiert worden seien neben Kyjiw auch die Regionen Dnipropetrowsk, Sumy, Charkiw und Poltawa. Beschädigt wurden 18 Häuser, eine Schule, die litauische Botschaft sowie Infrastruktureinrichtungen in der Hauptstadt.
Proteste für entlassenen Verteidigungsminister
In Kyjiw haben unterdessen erneut Tausende Menschen die Wiedereinsetzung des entlassenen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow gefordert. Die Demonstranten zogen am Freitagabend durch die Innenstadt, riefen Fedorows Namen und skandierten „Holt ihn zurück!“, wie ein AFP-Reporter berichtete. Die 38-jährige Iryna Tkatschuk sagte: „Wir wollen, dass ein fähiger Manager zurückkehrt.“ Sie hielt ein Schild mit der Aufschrift „Ist die alte Dame taub?“ – eine Anspielung auf Präsident Selenskyj. „Wir hatten schon Proteste, die länger als einen Monat gedauert haben – wir können das also schaffen“, fügte sie hinzu.
Fedorow war im Zuge einer Regierungsumbildung nach nur sechs Monaten im Amt abgelöst worden. Für viele Ukrainer verkörpert er die Modernisierung einer von Bürokratie und Korruptionsvorwürfen belasteten Armee. Er gilt als treibende Kraft hinter der Ausweitung ukrainischer Drohnenangriffe auf Ziele in Russland und hat erklärt, in sein Amt zurückkehren zu wollen.
Trump zurückhaltend bei Patriot-Lizenz
US-Präsident Donald Trump hat sich erneut zurückhaltend zu einer möglichen Lizenz für die Herstellung von Patriot-Abfangraketen in der Ukraine geäußert. „Diese Waffen sind unglaublich. Wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir jemandem erlauben, sie zu bauen“, sagte Trump am Freitag bei einer Kabinettssitzung in Camp David. Die Ukraine benötigt die Abfangraketen nach eigenen Angaben dringend, um ihre Städte gegen russische Angriffe zu verteidigen.
Selenskyj hatte bei seinem jüngsten Besuch im Weißen Haus um entsprechende Lizenzen gebeten. Trump hatte Anfang Juli noch öffentlich angekündigt, die USA würden der Ukraine „das Recht geben, Patriots herzustellen“. In einem Interview mit der „Financial Times“ äußerte er sich zuletzt jedoch zunehmend zurückhaltend. Das Patriot-System spielt eine zentrale Rolle beim Schutz ukrainischer Städte insbesondere vor ballistischen Raketen – doch der Ukraine fehlt es sowohl an Systemen als auch an Abfangraketen.
Weitere Eskalationen im Überblick
Polen hat nach dem Einschlag eines russischen Marschflugkörpers nahe Lublin den russischen Botschafter einbestellt. Ein aus der Ukraine angereister Experte habe „nicht den geringsten Zweifel“ an der russischen Herkunft des Flugkörpers vom Typ Ch-101, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Zudem fing die polnische Luftwaffe erneut einen russischen Aufklärer vom Typ Il-20 über der Ostsee ab. Russland meldete zudem die Einnahme zweier weiterer Dörfer in den Regionen Charkiw und Saporischschja.
In Moskau ist in der berühmten Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz ein Feuer ausgebrochen. Nach Angaben der Rettungskräfte seien im Büro des Direktors „persönliche Gegenstände und Möbel“ in Brand geraten; verletzt wurde niemand. Die russische Getreideindustrie warnte unterdessen vor einer möglichen Blockade ihrer Exporte durch ukrainische Drohnenangriffe. Ein Ausfall von 30 bis 35 Millionen Tonnen Weizen könnte die weltweiten Preise treiben und den Hunger in Afrika und im Nahen Osten verschärfen, erklärte der Verband der Getreideexporteure.



