Mehr als fünf Monate nach dem Beginn des Irankriegs warnen ranghohe US-Militärs vor einem wachsenden Dilemma. Laut Medienberichten soll der Kommandeur des US-Europakommandos, General Alexus Grynkewich, intern Klartext gesprochen haben: Die USA könnten bald gezwungen sein, ihre verbliebenen Abwehrraketen für den Schutz des eigenen Territoriums zurückzuhalten, statt damit Israel vor iranischen Angriffen zu bewahren.
Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hat die amerikanischen Streitkräfte in einem Ausmaß gefordert, das Planer offenbar unterschätzt hatten. US-Präsident Donald Trump hatte zu Beginn noch mit einer Dauer von „vier bis sechs Wochen“ gerechnet. Doch aus dem kurzen Konflikt ist ein mehr als fünf Monate andauernder Abnutzungskrieg geworden, der vor allem der US-Marine schwer zusetzt.
US-Zerstörer unter Dauerbelastung
Seit Kriegsbeginn haben US-Zerstörer mit ihren leistungsstarken Radarsystemen und Abfangraketen zahlreiche iranische Geschosse abgefangen, die auf Israel abgefeuert wurden. Gleichzeitig setzt die Marine die Blockade iranischer Häfen durch und verteidigt amerikanische Stützpunkte im Nahen Osten gegen Angriffe der iranischen Führung. Dieser Dauereinsatz hinterlässt Spuren: Bei fünf derzeit eingesetzten Zerstörern sind nach Informationen der „Washington Post“ Reparatur- und Wartungsarbeiten überfällig, die wegen des laufenden Einsatzes immer wieder verschoben werden.
Genau diese Überlastung ist es, die General Grynkewich nun alarmiert. Das von ihm geführte US-Europakommando ist unter anderem für Zerstörer im Mittelmeer verantwortlich, die Israel bei der Raketenabwehr unterstützen. Zugleich muss das Kommando mögliche Bedrohungen durch Russland im Blick behalten. Die Flotte sei derart abgenutzt, dass die verbleibenden Abfangraketen bald für die Verteidigung der Vereinigten Staaten selbst benötigt werden könnten, statt sie für Israel einzusetzen, wird in Medienberichten kolportiert.
Ein Dilemma mit strategischen Folgen
Ein solcher Prioritätenwechsel hätte weitreichende Konsequenzen. Ohne die Unterstützung der US-Zerstörer würde Israel deutlich verwundbarer gegenüber iranischen Raketenangriffen. Die Luftabwehr des Landes wäre auf sich allein gestellt, während der Iran nach wie vor über große Raketenbestände verfügt. Die amerikanischen Abfangraketen haben bislang einen wichtigen Teil der Verteidigung ausgemacht.
Das Kernproblem für das Pentagon ist struktureller Natur: Die USA müssen gleichzeitig immer mehr Stützpunkte, Regionen und verbündete Staaten schützen, während Schiffe, Abfangraketen und Wartungskapazitäten knapp werden. Verteidigungsminister Pete Hegseth sieht sich mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, Prioritäten setzen zu müssen – zwischen der Verteidigung des Heimatlandes, der Unterstützung Israels und der Abschreckung Russlands.
Neue Front durch Huthi-Milizen
Verschärft wird die Lage durch den Kriegseintritt der Huthi-Terrormiliz im Jemen. Die vom Iran unterstützten Milizen verfügen über eigene Raketenarsenale und könnten Israel von einer weiteren Front aus attackieren. Damit wächst die Zahl der Bedrohungen, gegen die die USA und Israel gleichzeitig vorgehen müssen – während die eigenen Ressourcen schrumpfen.
Die „Washington Post“ berichtet, dass die Reserven an Abwehrraketen langsam zur Neige gehen. Weder das Weiße Haus noch das Pentagon haben sich bislang zu dem Bericht geäußert. In Washington wird jedoch erwartet, dass die Debatte über die Verteilung der verbliebenen militärischen Mittel in den kommenden Wochen an Schärfe zunehmen wird.
Militärische Planung unter Druck
Die Diskussion über die Prioritätenreihung kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Die US-Armee muss nicht nur den Irankrieg und die Unterstützung Israels stemmen, sondern auch ihre globale Präsenz aufrechterhalten. Das US-Europakommando hat dabei eine Doppelrolle: Es sichert die Nato-Ostflanke gegenüber Russland ab und koordiniert zugleich die Mittelmeer-Präsenz, die Israels Raketenabwehr unterstützt.
Die überfälligen Wartungsarbeiten an den fünf Zerstörern zeigen, wie angespannt die Lage ist. In Friedenszeiten wären solche Schiffe turnusmäßig in der Werft. Jetzt müssen sie weiter auf See bleiben, weil ein Ausfall die Lücken in der Verteidigung weiter vergrößern würde. Das Risiko technischer Defekte steigt damit ebenso wie die Belastung für die Besatzungen.
Was bedeutet das für Israel?
Sollte das US-Militär tatsächlich umpriorisieren, würde Israel seine wichtigste äußere Stütze bei der Raketenabwehr verlieren. Bislang haben US-Zerstörer einen erheblichen Teil der iranischen Geschosse abgefangen, die auf israelisches Gebiet zielten. Ohne diese Unterstützung müsste Israel seine eigenen Luftabwehrsysteme deutlich intensiver einsetzen – mit ungewissem Ausgang, sollte der Iran seine Angriffe fortsetzen.
Gleichzeitig bleibt unklar, ob die Trump-Regierung bereit ist, den Schutz Israels zugunsten der Heimatverteidigung einzuschränken. Die öffentliche Zurückhaltung des Weißen Hauses und des Pentagons deutet darauf hin, dass interne Abstimmungen noch laufen. General Grynkewichs Warnung könnte als Versuch gewertet werden, die Entscheidungsträger in Washington vor den realen Konsequenzen einer längeren Kriegsdauer zu warnen.
Für die kommenden Wochen rechnen Beobachter damit, dass die Debatte über die Verteilung der knappen Abwehrraketen weiter an Fahrt aufnimmt. Der Druck auf die US-Regierung wächst, eine klare Antwort auf die Frage zu finden, wie lange Amerika einen Krieg an mehreren Fronten durchhalten kann – und wer zuerst geschützt wird.



