Merz in Peking: Deutschlands kritische Abhängigkeit von China im Fokus
Merz in Peking: Deutschlands China-Abhängigkeit im Fokus

Merz in Peking: Deutschlands kritische Abhängigkeit von China im Fokus

Es ist eine hochbrisante Reise zu einem Partner und zugleich systemischen Rivalen. Bundeskanzler Friedrich Merz begibt sich erstmals in seiner Amtszeit nach China, wo Wirtschaftsfragen im Mittelpunkt stehen werden. Die Volksrepublik bleibt ein überragend wichtiger Markt für deutsche Unternehmen, doch die Abhängigkeiten und Wettbewerbsnachteile nehmen stetig zu.

Handelsdefizit erreicht alarmierende Dimensionen

China ist neben den USA Deutschlands wichtigster Handelspartner, gemessen am Außenhandelsumsatz. Doch das Handelsdefizit hat besorgniserregende Ausmaße angenommen. Wie eine aktuelle Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, übertrafen 2025 die Importe aus China den Wert der dorthin exportierten Waren um rund 90 Milliarden Euro. Dieses Handelsbilanzdefizit stieg gegenüber dem Vorjahr um mehr als ein Drittel an.

Die deutschen Ausfuhren nach China brachen 2025 um fast zehn Prozent ein, wodurch China auf Platz sechs der wichtigsten deutschen Exportpartner abrutschte. IW-Experte Jürgen Matthes spricht von einem „China-Schock“, der die gesamte deutsche Exportwirtschaft bremst. „Mit den stark steigenden Einfuhren aus China nimmt auch der Konkurrenzdruck durch chinesische Waren hierzulande weiter kräftig zu“, warnt Matthes.

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Deutsche Unternehmen zwischen Chancen und wachsenden Risiken

Für deutsche Unternehmen bleibt China trotz aller Herausforderungen ein zentraler Standort. Autobauer verlagern seit der Corona-Pandemie ihre Forschung und Entwicklung verstärkt nach China, um im heiß umkämpften Automarkt mithalten zu können. 2025 investierten deutsche Firmen rund sieben Milliarden Euro neu in der Volksrepublik – deutlich mehr als in den Vorjahren.

Doch die Probleme nehmen zu:

  • Undurchsichtige Regelungen und Marktzugangshemmnisse
  • Nachteile gegenüber staatlich bevorzugter chinesischer Konkurrenz
  • Chinesische Exportbeschränkungen bei kritischen Rohstoffen
  • Lange Wartezeiten und Unsicherheiten in Lieferketten

DIHK-Präsident Peter Adrian betont: „Für deutsche Unternehmen ergeben sich Chancen durch den starken technologischen Fortschritt vor Ort. Dem stehen jedoch wachsende Risiken gegenüber, etwa durch staatliche Eingriffe und ungleiche Wettbewerbsbedingungen.“

Kritische Abhängigkeiten bei strategischen Rohstoffen

Besonders alarmierend ist die deutsche Abhängigkeit bei seltenen Erden. China dominiert mit über 90 Prozent die weltweite Verarbeitung dieser Rohstoffe, die essenziell sind für:

  1. Smartphones und Laptops
  2. Windrad-Turbinen
  3. Elektromotoren
  4. Viele weitere Hochtechnologieprodukte

Seit April 2025 beschränkt Peking den Export seltener Erden. Deutsche Unternehmen müssen aufwendige Genehmigungsverfahren durchlaufen und erhalten meist nur so viel, wie sie unmittelbar benötigen – ohne Lagerbestände aufbauen zu können. Wegen langer Lieferzeiten und mangelnder Alternativen drohten in vielen Industrien bereits Produktionsstopps.

De-Risking-Strategie zeigt bisher wenig Wirkung

Die unter der vorigen Bundesregierung entwickelte China-Strategie mit ihrem Kernkonzept des „De-Risking“ – der Risikominimierung durch diversifizierte Lieferketten – funktioniert laut Experten bisher nicht wie geplant. IW-Experte Matthes kritisiert: „Zu viele Unternehmen gehen fahrlässig mit kritischen Importabhängigkeiten um.“ Er fordert eine umfassende Risikoanalyse, um die größten Abhängigkeiten zu identifizieren und gezielt anzugehen.

Esther Goreichy vom China-Institut Merics warnt: „Deutschland und Europa müssen schnell Risiken mindern – sonst wird deren Beseitigung in Zukunft deutlich teurer.“ Besonders betroffen sind:

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  • Die Automobilindustrie (vor allem Batterieproduktion)
  • Die Rüstungsindustrie
  • Die erneuerbaren Energien
  • Chemische Produkte und IT-Ausrüstung

Erwartungen an den Kanzlerbesuch

DIHK-Präsident Adrian begrüßt die China-Reise von Bundeskanzler Merz zum richtigen Zeitpunkt. Neben Fragen gleicher Wettbewerbsbedingungen müsse es vor allem um Exportrestriktionen bei wichtigen Rohstoffen gehen. „Exportkontrollen müssen regelbasiert und transparent erfolgen. Bestehende Genehmigungs- und Kontrollprozesse müssen vereinfacht, beschleunigt und berechenbarer werden“, fordert Adrian.

Die deutsche Wirtschaft steht an einem Scheideweg: Einerseits bietet der chinesische Markt weiterhin enorme Chancen, andererseits wachsen die Abhängigkeiten und Risiken stetig. Der Besuch von Bundeskanzler Merz in Peking wird zeigen, ob Deutschland Wege findet, aus der einseitigen Abhängigkeit zu finden, ohne die wirtschaftlichen Beziehungen grundlegend zu gefährden.