Ein ehemaliger Manager von Goldman Sachs erhält eine Millionenentschädigung, weil die Bank ihn nach seiner sechsmonatigen Elternzeit stigmatisierte und entließ. Das Londoner Arbeitsgericht entschied am Donnerstag zugunsten von Jon Reeves und sprach ihm 1,45 Millionen Pfund (rund 1,7 Millionen Euro) zu, wie die Anwältin Jo Keddie mitteilte. Die Summe setzt sich aus Schadensersatz wegen geschlechtsspezifischer Diskriminierung und ungerechtfertigter Kündigung zusammen.
Stigmatisierung im Finanzsektor
Das Gericht stellte fest, dass der Banker infolge des Vorfalls im gesamten Londoner Finanzsektor unter Stigmatisierung litt. Potenzielle Arbeitgeber zögerten, Reeves einzustellen, oder sagten Vorstellungsgespräche abrupt ab, nachdem Führungskräfte einen Medienbericht über seine Klage vor dem Arbeitsgericht in Umlauf gebracht hatten. „Das Urteil unterstreicht die Tatsache, dass Stigmatisierungsschäden nicht nur theoretischer Natur sind“, erklärte Keddie. Sie begrüßte die Entscheidung auch wegen ihrer symbolischen Wirkung.
Goldman Sachs verteidigt sich
Goldman Sachs betonte in einer Stellungnahme, man sei „Marktführer im Bereich des bezahlten Elternurlaubs und ermutige alle berufstätigen Eltern, unabhängig vom Geschlecht, den ihnen angebotenen bezahlten Urlaub von 26 Wochen in vollem Umfang in Anspruch zu nehmen“. Das Gericht folgte dieser Darstellung jedoch nicht. Es wertete die Kündigung als Vergeltung für die Inanspruchnahme der Elternzeit.
Reeves war seit 2007 als stellvertretender globaler Leiter des Compliance-Kontrollraums bei Goldman Sachs in London tätig. Nach seiner Rückkehr teilte ihm die Bank mit, dass er aufgrund „geschäftlicher Erfordernisse“ und seiner „relativen Leistung“ für eine Entlassung ausgewählt worden sei. Der damals frischgebackene Vater behauptete jedoch, die angegebenen Gründe seien nur ein Vorwand. Er verklagte die Bank im Jahr 2022.
Vorgesetzter soll Reeves angeschrien haben
Im Verlauf des Verfahrens gab Reeves an, ein Vorgesetzter habe ihn wiederholt angeschrien, er solle „das schon irgendwie hinbekommen“, nachdem er Bedenken hinsichtlich der Kinderbetreuung geäußert hatte. Der Vorgesetzte bestritt, geschrien zu haben. Die angeblichen Äußerungen fielen während des Covid-19-Lockdowns, nachdem Reeves seinem Vorgesetzten mitgeteilt hatte, dass er Schwierigkeiten habe, von zu Hause aus zu arbeiten und sich gleichzeitig um sein erstes Kind zu kümmern.
Reeves erklärte vor dem Gericht außerdem, dass Führungskräfte ihn negativ beurteilt hätten, weil er 24 Stunden lang nicht auf eine E-Mail geantwortet hatte, während er mit seiner Frau und seinem neugeborenen Kind auf dem Weg zu seinem ersten Urlaub gewesen sei. Das Gericht stellte zudem fest, dass das „Versäumnis der Bank, auch nur den Anschein eines fairen Verfahrens zu wahren, so umfassend war, dass ihr Vorgehen in jeder Hinsicht unfair war“.
Signal an die Finanzbranche
Der Fall könnte weitreichende Folgen für die Unternehmenskultur im Finanzsektor haben. Anwältin Keddie betonte, das Urteil zeige, dass Väter, die Elternzeit nehmen, nicht benachteiligt werden dürften. Goldman Sachs hat angekündigt, das Urteil zu prüfen und möglicherweise Berufung einzulegen. Die Bank betonte jedoch, dass sie weiterhin zu ihrem Elternzeitprogramm stehe.



