Die reichste Russin: Wildberries-Gründerin Tatjana Kim und der Ukraine-Krieg
Wildberries-Gründerin Tatjana Kim und der Ukraine-Krieg

Die ukrainischen Angriffe auf den Online-Händler Wildberries, der oft als „russisches Amazon“ bezeichnet wird, haben in den letzten Wochen massiv zugenommen. Ziel der Attacken ist es, der russischen Bevölkerung die direkten Folgen des Angriffskriegs gegen die Ukraine vor Augen zu führen. Die Ukraine selbst begründet die Angriffe damit, dass auf der Plattform auch Rüstungsgüter gehandelt werden – allerdings macht dieser Anteil nur einen geringen Teil des Geschäfts aus. Wildberries ist vor allem eine tragende wirtschaftliche Säule Russlands. Dahinter steht die reichste Frau des Landes: Tatjana Kim.

Vom Englischlehrerin zur Selfmade-Milliardärin

Tatjana Kim, geborene Bakaltschuk, hat es laut Forbes auf ein Vermögen von umgerechnet sieben Milliarden Euro gebracht – genauso viele Milliarden wie sie Kinder hat. Die ehemalige Englischlehrerin, die im tschetschenischen Grosny geboren wurde, gründete Wildberries im Jahr 2004 in Moskau. Die damals 28-Jährige befand sich im Mutterschutz und verkaufte zunächst Kleidung des deutschen Versandhändlers Otto weiter. Ihr damaliger Ehemann Wladislaw Bakaltschuk, ein IT-Techniker, stieg wenig später in das Unternehmen ein. Das Paar arbeitete anfangs von zu Hause aus.

Heute sind die beiden getrennt. Der Scheidungskrieg, der 20 Jahre nach der Gründung eskalierte, war im wahrsten Sinne des Wortes blutig. Nachdem Kim ihren Mann aus dem Unternehmen gedrängt hatte, verbündete sich dieser mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow. Bewaffnete versuchten, in die Konzernzentrale einzudringen. Bei der Schießerei mit dem Sicherheitsdienst kamen zwei Männer ums Leben. Kim legte daraufhin ihren Geburtsnamen wieder an.

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Fusion mit Russ und Kreml-Verbindungen

Die Unternehmerin trieb die Expansion voran und fusionierte Wildberries gegen den Willen ihres Ex-Mannes mit dem Werberiesen Russ. Nach der Genehmigung durch den Kreml sollen hochrangige Putin-Vertraute wie der Chef der Präsidialverwaltung, Anton Waino, Anteile an dem Konzern halten. Diese Verbindungen könnten entscheidend sein, um das Unternehmen über Wasser zu halten. Berichten zufolge wird derzeit erwogen, mithilfe einer Staatsbank eine Pleite nach den massiven ukrainischen Angriffen zu verhindern.

Die Rettung des größten Online-Händlers wäre auch im Eigeninteresse der russischen Führung. Wildberries ist einer der größten Kreditnehmer des Landes. Ein ukrainischer Rüstungsvertreter wird im britischen Guardian mit den Worten zitiert: „Mit dem Online-Riesen würden zahlreiche russische Banken ebenfalls zusammenbrechen.“ Das Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren massiv in Kredite investiert, um die Lagerflächen im Eiltempo zu erweitern. Hinzu kamen eine eigene Online-Bank und ein Reisebüro.

Marktmacht und Systemrisiko

Wildberries ist längst ein Systemrisiko für die russische Wirtschaft. Mehr als 20 Millionen Transaktionen wickelt der Händler nach eigenen Angaben täglich ab. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von umgerechnet fast drei Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts über die Plattform gehandelt, wie Bloomberg berichtete. Etwa die Hälfte des gesamten russischen Online-Handels läuft über Wildberries. Der größte Konkurrent Ozon erzielte nur 100 Millionen Euro Gewinn, während Wildberries auf umgerechnet fast zwei Milliarden Euro kam – eine Steigerung von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz betrug 67 Milliarden Euro.

Die Marktmacht zeigt sich auch bei den Händlern: Hunderttausende Anbieter verkaufen ihre Waren über das riesige Netzwerk mit Zehntausenden Abholstellen, die bis in die kleinsten Städte und mehrere Nachbarländer reichen. Die ukrainischen Angriffe treffen nicht nur Wildberries selbst, sondern auch die Händler, die um ihre Existenz bangen. Bei den Bränden in Logistikzentren werden teils große Teile ihrer dort gelagerten Waren zerstört – mit einem Wert in Milliardenhöhe. Wildberries hat insbesondere kleinen Anbietern eine Entschädigung zugesagt, doch über die Höhe wird gestritten; die Beschwerden häufen sich.

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Militärbedarf trotz Kriegs-Etikett

Die Rubrik „Alles für die Spezialoperation“, wie Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine nennt, hat Wildberries infolge der Attacken entfernt. Dennoch lassen sich Militärbedarf wie Kampfhelme oder Drohnen-Steuergeräte weiterhin bestellen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete. Bereits vor den ukrainischen Angriffen hatten Wildberries und Ozon die Bedingungen für Verkäufer geändert: Für Verluste aufgrund höherer Gewalt, zu denen auch Drohnenangriffe zählen, müssen nun die Händler selbst haften.

Die ukrainischen Drohnen zielen auch regelmäßig auf Moskau. Dort soll Wildberries' neue Zentrale im Jahr 2030 das höchste Gebäude der Stadt werden – falls es fertig gebaut wird. Die Zukunft des „russischen Amazon“ bleibt angesichts der anhaltenden Angriffe und der wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem Kreml ungewiss.