Prozess um tödliche Schüsse in Berlin: Drei Brüder angeklagt
Prozess um tödliche Schüsse: Drei Brüder angeklagt

Am Montag um 9.30 Uhr beginnt vor dem Landgericht Berlin der Prozess gegen drei Brüder. Ihnen wird vorgeworfen, einen 44-jährigen Familienvater in Berlin-Weißensee aus einem Auto heraus erschossen zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht von „Blutrache“ aus: Der Angriff soll die Vergeltung für den Tod eines 31-jährigen Cousins der Angeklagten gewesen sein, der im Juli 2025 bei einer Messerattacke ums Leben kam. Die beiden älteren Brüder im Alter von 32 und 25 Jahren müssen sich wegen Mordes verantworten. Dem 32-Jährigen wird zusätzlich Brandstiftung vorgeworfen, die er gemeinsam mit seinem 23-jährigen Bruder begangen haben soll.

Tatablauf: Schüsse aus einem Fahrzeug

Laut Anklage hatten die beiden älteren Angeklagten den 44-Jährigen am Morgen des 31. Januar dieses Jahres vor seiner Wohnung abgepasst. Als der Mann in seinen Transporter stieg, feuerten sie mehrere Schüsse aus einem Auto ab. Der Familienvater erlag seinen Verletzungen noch am Tatort – er starb auf dem Fahrersitz seines Fahrzeugs. Die Tat ereignete sich in einem Wohngebiet in Berlin-Weißensee, wo die Schüsse bei Anwohnern für Entsetzen sorgten.

Nach der Tat sollen zwei der Angeklagten das mutmaßliche Fluchtauto angezündet haben, um Beweise zu vernichten. Der Wagen brannte vollständig aus. Ermittler konnten jedoch genügend Spuren sichern, um die Brüder zu identifizieren. Alle drei wurden wenige Tage später festgenommen und befinden sich seitdem in Untersuchungshaft.

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Blutrache als mutmaßliches Motiv

Die Staatsanwaltschaft rekonstruierte die Vorgeschichte: Der Cousin der Angeklagten war im Juli 2025 bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung vor einem Lokal getötet worden. Damals gerieten nach bisherigen Ermittlungen 40 bis 60 Menschen in eine Massenschlägerei, bei der auch Messer eingesetzt wurden. Der 31-Jährige erlag seinen Verletzungen. Die konkreten Hintergründe dieser Tat sind bis heute unklar. Die Ermittler gehen jedoch davon aus, dass die tödlichen Schüsse auf den 44-Jährigen eine direkte Vergeltungsaktion dafür waren.

„Wir stufen die Tat als Blutrache ein“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft vor Prozessbeginn. Die Familie der Opfer und der Angeklagten seien miteinander verfeindet. Die Angeklagten selbst stammen nach Angaben der Behörde aus dem Südosten der Türkei nahe der syrischen Grenze und gehören der kurdischen Bevölkerung an. Alle Beteiligten besitzen die türkische Staatsangehörigkeit, leben aber unterschiedlich lange in Deutschland. Keiner der drei Männer ist bislang polizeilich in Erscheinung getreten oder vorbestraft.

Juristische Einordnung und mögliche Strafen

Die Anklage wegen Mordes stützt sich auf das Mordmerkmal der Heimtücke: Die Angreifer sollen ihr Opfer ahnungslos in seinem Transporter überrascht haben. Zudem könnte die Tat aus niedrigen Beweggründen erfolgt sein, wenn das Rache-Motiv bestätigt wird. Das Landgericht Berlin hat für den Prozess bislang 19 Verhandlungstage bis November 2026 angesetzt. Dabei sollen zahlreiche Zeugen gehört werden, darunter Anwohner, Ermittler und möglicherweise auch Sachverständige, die die Schussabgabe und die Brandspuren untersucht haben.

Im Falle einer Verurteilung drohen den beiden älteren Angeklagten lebenslange Haftstrafen. Der 32-Jährige muss sich zusätzlich wegen Brandstiftung verantworten, die nach dem Überfall zur Vernichtung des Fluchtwagens begangen worden sein soll. Sein 23-jähriger Bruder ist wegen Beihilfe zur Brandstiftung angeklagt – ihm wird zur Last gelegt, an dem Anzünden des Autos mitgewirkt zu haben. Die Verteidigung hat bislang keine inhaltlichen Angaben zur Sache gemacht. Zum Prozessauftakt wird mit der Verlesung der Anklageschrift gerechnet.

Hintergrund: Blutrache in der Diaspora

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein Phänomen, das in Deutschland selten vor Gericht verhandelt wird: Blutrache. Dabei handelt es sich um eine traditionelle Form der Vergeltung, bei der die Verantwortung für eine Tötung auf die gesamte Familie des Täters übertragen wird. In kurdischen und türkischen Gemeinschaften kommt dies in Einzelfällen vor, auch in Deutschland. Soziale Einrichtungen und Konfliktvermittler versuchen regelmäßig, solche Gewaltspiralen zu durchbrechen. Im aktuellen Fall scheint dies jedoch nicht gelungen zu sein.

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Die Ermittler betonen, dass die Angeklagten bis zur Tat unauffällig gewesen seien. Dass ausgerechnet der 44-Jährige zum Ziel wurde, könnte laut Staatsanwaltschaft damit zusammenhängen, dass er in Verbindung mit dem Tod des Cousins gebracht wurde. Ob es sich tatsächlich um eine gezielte Auswahl handelte, soll im Prozess geklärt werden. Die Verteidigung will offenbar zunächst die Beweisaufnahme abwarten. Der Prozessauftakt wird von einem großen Medieninteresse begleitet, da Fälle von Blutrache in der Hauptstadt selten verhandelt werden.

Der Prozessverlauf

Das Landgericht Berlin hat die Verhandlung unter besondere Sicherheitsvorkehrungen gestellt. Da mehrere Familien betroffen sind und es sich um ein sensibles Verfahren handelt, wird der Saal voraussichtlich mit getrennten Zuschauerbereichen organisiert. Die Angeklagten werden per Vorführtransport aus der Untersuchungshaft gebracht. Für den ersten Verhandlungstag sind die Verlesung der Anklage und erste Anträge der Verteidigung geplant.

Bis zum geplanten Urteil im November 2026 will das Gericht in 19 Sitzungstagen die Beweisaufnahme durchführen. Dabei geht es nicht nur um die Schüsse selbst, sondern auch um die Vorgeschichte in der Türkei, die möglicherweise zur Eskalation führte. Die Staatsanwaltschaft will mit Zeugen aus dem Umfeld der Familien die Motivlage rekonstruieren. Die Angeklagten selbst haben sich bislang nicht geäußert. Das Urteil wird mit Spannung erwartet – es könnte ein Signal im Kampf gegen familienbezogene Gewalt sein.