Jugendamt Unterallgäu: Deutlich mehr Kinder benötigen Schutz
Unterallgäu: Jugendamt meldet Rekord bei Kinderschutz

Das Jugendamt im Landkreis Unterallgäu hat im vergangenen Jahr so viele Fälle von Kindeswohlgefährdung registriert wie nie zuvor. Nach Angaben des Landratsamts wurden 2023 insgesamt 347 Verfahren eingeleitet – ein Anstieg um zwölf Prozent gegenüber 2022. Besonders deutlich zugenommen haben die Inobhutnahmen: 89 Jungen und Mädchen mussten vorübergehend aus ihren Familien genommen und in Pflegeeinrichtungen oder bei Pflegefamilien untergebracht werden.

„Die Lage ist ernst. Wir erleben Familien, die mit den Anforderungen des Alltags immer mehr überfordert sind“, sagt die Sprecherin des Landratsamts. Die Gründe seien vielfältig: Armut, Suchterkrankungen, psychische Krisen und nicht zuletzt die Folgen der Corona-Pandemie. Die Kinder zeigten häufig Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsverzögerungen oder Vernachlässigungserscheinungen.

Kleinkinder besonders betroffen

Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei den unter Dreijährigen. Hier hat sich die Zahl der Inobhutnahmen innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Die Behörde sieht einen Zusammenhang mit der angespannten Versorgungslage in Familien mit Säuglingen und Kleinkindern. Oft fehle es an sozialen Netzen und unterstützenden Angeboten.

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Laut Jugendamt geht es nicht immer um massive Misshandlung. Häufig sei es die schlichte Überforderung der Eltern, die zu einer unzureichenden Aufsicht und Versorgung der Kinder führe. In vielen Fällen seien auch eigene Kindheitserfahrungen der Eltern ein Belastungsfaktor.

Die Statistik des Jugendamts im Überblick

  • 347 Verfahren zur Abklärung einer Kindeswohlgefährdung im Jahr 2023
  • 89 Inobhutnahmen (Vorjahr: 72)
  • 212 Fälle mit dem Merkmal Vernachlässigung
  • 96 Fälle mit dem Merkmal psychische Misshandlung
  • 38 Fälle mit dem Merkmal körperliche Misshandlung
  • 12 Fälle von sexueller Gewalt

Die Fälle sind nicht immer eindeutig einer Kategorie zuzuordnen, Überschneidungen sind möglich. Das Jugendamt betont, dass hinter jeder Zahl ein Einzelschicksal stehe.

Wie das Jugendamt hilft

Um die Familien zu unterstützen, setzt der Landkreis auf frühe Intervention. Die Behörde hat ihre Teams im Allgemeinen Sozialen Dienst aufgestockt und die Zusammenarbeit mit Kitas, Schulen und Beratungsstellen intensiviert. Ziel ist es, gefährdete Kinder frühzeitig zu erkennen und den Eltern Hilfe anzubieten, bevor eine Eskalation eintritt.

Ein wichtiger Baustein sind die „Frühen Hilfen“, die bereits in der Schwangerschaft ansetzen. Familienhebammen und sozialpädagogische Fachkräfte besuchen Mütter und Väter zu Hause und vermitteln Unterstützung. Dieses Angebot soll ausgebaut werden, da die Nachfrage laut Landratsamt kontinuierlich steigt.

Doch auch die Behörde selbst stößt zunehmend an ihre Grenzen. Sachbearbeiter betreuen durchschnittlich 80 Fälle – eine erhebliche Belastung. Der Personalmangel und die hohe Fluktuation im sozialen Bereich erschweren die Arbeit. Der Landkreis hat zwar neue Stellen geschaffen, doch die Suche nach qualifizierten Fachkräften gestaltet sich schwierig.

Mehr Kosten im Kreishaushalt

Die gestiegenen Fallzahlen schlagen sich auch im Haushalt nieder. Die Aufwendungen für Hilfen zur Erziehung haben sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht; inzwischen gibt der Landkreis dafür jährlich rund 15 Millionen Euro aus. Der Jugendhilfeausschuss des Kreistags hat deshalb beschlossen, die Mittel erneut aufzustocken und gleichzeitig stärker auf präventive Angebote zu setzen.

Als Träger der öffentlichen Jugendhilfe ist das Landratsamt nach Paragraf 8a SGB VIII verpflichtet, bei gewichtigen Anhaltspunkten das Gefährdungsrisiko einzuschätzen. Die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes prüfen vor Ort, wie es den Kindern geht, und entscheiden über notwendige Hilfen. Diese Verfahren wurden zuletzt optimiert, um schneller reagieren zu können.

Forderungen an die Politik

Die Verantwortlichen fordern mehr Unterstützung von Bund und Ländern. Es brauche verlässliche Finanzierung, geringere Fallzahlen pro Fachkraft und mehr eigenständige Präventionsprogramme. Auch der Deutsche Landkreistag hat auf die angespannte Lage der Jugendämter aufmerksam gemacht und eine bessere finanzielle Ausstattung verlangt.

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Ausblick: Vorbeugen statt eingreifen

Das Jugendamt will seine Präventionsstrategie weiter ausbauen. Geplant sind zusätzliche Beratungsangebote an Schulen, mehr Schulsozialarbeit und ein Ausbau des Netzwerks „Frühe Hilfen“. „Kinderschutz geht uns alle an. Je früher wir Hilfe anbieten, desto größer ist die Chance, dass Kinder in ihrer Familie aufwachsen können“, so die Sprecherin des Landratsamts.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Maßnahmen greifen. Bis dahin bleibt das Jugendamt auf einen schwierigen Balanceakt: Kinder schützen und Familien stärken – ohne sie zu entmündigen.