Kaum biegt man an einem heißen Sommertag mit dem Fahrrad in eine von Kastanien und Linden gesäumte Wohnstraße ein, verändert sich die Luft schlagartig: Der heiße Fahrtwind, der einem wie ein Föhn ins Gesicht blies, weicht einem kühlen, würzigen Duft, fast wie im Wald. Die Sonne verschwindet hinter dichtem Blätterwerk, das Schatten bis in den vierten Stock der Mehrfamilienhäuser wirft. Für Birgitta Stauber, Textchefin der Zentralredaktion, sind solche Bäume mehr als nur Dekoration – sie sind lebenswichtiger Hitzeschutz. Zwar kleben Blüten auf Autoscheiben und das Laub macht den Gehweg im Herbst rutschig, doch der Nutzen überwiegt bei weitem.
Bäume als natürliche Klimaanlagen
Städte heizen sich im Klimawandel immer schneller auf. Beton und Asphalt speichern die Wärme und geben sie auch nachts ab. Wer in einer grauen Wohngegend lebt, bekommt die Folgen direkt zu spüren. Noch besser als einzelne Bäume ist eine Bauweise, die Hitze gar nicht erst ins Haus lässt. Geschickte Verschattung und Fassadenbegrünung können Räume kühl halten, ohne dass eine Klimaanlage laufen muss. Doch noch immer entstehen gesichtslose Wohnparks, die der Sonne schutzlos ausgeliefert sind. Ein Beispiel: Eine neue und teure Seniorenanlage im Ruhrgebiet, bei der die Sonne von früh bis spät in einen Teil der Appartements knallt. Ältere Menschen leiden besonders unter der Hitze – ausgerechnet dort, wo man ihnen einen sorglosen Lebensabend versprochen hat, werden sie zum Hitzestress verdammt.
Gendarmenmarkt: Schöner Platz, aber eine „Stadtglatze“
Auch Berlin zeigt, wie schnell Hitzeschutz an seine Grenzen stößt. Der Gendarmenmarkt, einer der schönsten Plätze der Hauptstadt, wurde zwei Jahre lang umgestaltet – mit Elektrik und intelligenten Wasserspeichern im Untergrund. Doch die Natursteine auf dem Platz nehmen die Sonnenstrahlen ungehindert auf und geben die Wärme noch am späten Abend ab. Vor allem mittags bewegen sich Touristen wie Büromenschen in Zeitlupe. Die Berliner haben dafür den treffenden Namen „Stadtglatze“ gefunden.
Architekten setzen auf Fassadenbegrünung
Es geht aber auch anders: Der renommierte Architekt Christoph Ingenhoven hat in Stuttgart einen Gebäudekomplex gebaut, dessen Fassadenbegrünung die gesamte Umgebung kühlt. Im Gespräch mit der Kollegin Nina Noire Kugler erklärt er, dass bei seinen Entwürfen Verschattung, Tageslicht und natürliche Lüftung eine zentrale Rolle spielen – noch bevor überhaupt über den Einsatz von Technik wie Klimaanlagen nachgedacht wird. Viele andere Architekten setzen längst auf ähnliche Konzepte. Eine Fotostrecke im Artikel zeigt ungewöhnliche, aber effektiv kühle Gebäude.
10.000 Tote in drei Hitzewellen
Wie wichtig solche Maßnahmen sind, zeigen Zahlen des Robert Koch-Instituts: Während der letzten drei Hitzewellen sind in nur wenigen Wochen 10.000 Menschen gestorben, weil ihr Körper die hohen Temperaturen nicht verkraftet hat. Ältere und Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren besonders betroffen. „Trotzdem reden viele über Hitze, als ginge es um eine lästige Sommerlaune“, regt sich Kollegin Anne-Kathrin Neuberg-Vural in ihrem Kommentar auf. Deutschland sei „viel zu schlecht“ auf die Hitze vorbereitet. Ihr Vorwurf wiegt schwer: Wir nehmen die Toten offenbar in Kauf.
Schlechte Ernährung in Kliniken und Heimen
Die Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen besonders verletzlicher Menschen zeigt sich auch in der Ernährung in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Technisch wird dort alles getan, um Patienten etwa nach einem Schlaganfall wieder fit zu machen. Doch in der Reha oder im Heim werden ihnen Mahlzeiten serviert, die zu fett, zu salzig und zu süß sind. Das hat Kollege Dominik Bath herausgefunden. Sind obendrein die Nudeln zu einer undefinierbaren Masse verkocht und wird der Kartoffelbrei aus Instantpulver verrührt wie Zement, sinkt die Lebensqualität dramatisch. Die Caterer schieben die Schuld auf die geringe Pauschale, die sie pro Tag und Menü erhalten. Doch Stauber zweifelt daran, dass mehr Geld allein das Problem löst: Kartoffelbrei aus echten Kartoffeln wäre schließlich billiger als das Instant-Produkt. Das Problem liegt tiefer – in unserer Esskultur, die auf Schnelligkeit und Effizienz getrimmt ist. Zu oft schlucken wir herunter, was Großküchen für Schulen, Betriebe und Heime vorsetzen.
Eine Kindheit mit Schattenseiten
Es gibt Menschen, die sich dagegen wehren, schlechtes Essen einfach herunterzuschlucken. Eine davon ist Gloria-Sophie Burkandt, Tochter des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. In ihrer Schulzeit musste sie Brokkoli essen, der braungekocht und labbrig auf dem Teller lag. Als sie sich weigerte, sperrten die Nonnen sie ein, bis sie aufgegessen hatte. Stauber, selbst auf einer katholischen Nonnenschule, kann sich an so viel Strenge nicht erinnern – aber sie ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, nicht im erzkatholischen Bayern. Burkandt ist heute eine erfolgreiche Frau: Sie modelt, ist als Influencerin bekannt, promoviert und schreibt ein Buch. Doch hinter der Fassade liegen Brüche: Sie ertrug mit Schienbeinschonern die Prügel ihrer Klassenkameraden, später kam eine Magersucht dazu. Im Interview mit Petra Koruhn gibt sie spannende Einblicke, wie es ist, mit einem berühmten Vater aufzuwachsen.
Terror auf dem CSD: Ein Täter, der nicht ins Raster passte
Das Thema der Woche war der Terroranschlag auf den CSD in Berlin, bei dem eine Frau starb und viele verletzt wurden. Die Redaktion hat Tag und Nacht über die Hintergründe berichtet. Stauber hat sich bewusst dagegen entschieden, das Attentat zum zentralen Thema ihres Newsletters zu machen – auch, um selbst Abstand zu gewinnen. Der Täter Abdul Ballout ist kein Flüchtling und auch nicht durchs Raster der Behörden gefallen. Er ist Deutscher, hat deutsche Schulen besucht und Förderung bekommen. Schon in der Grundschule fiel er durch Gewaltbereitschaft auf, später wurde er zum Schulversager ohne Abschluss. Wie er sich radikalisierte und woher sein Hass auf Homosexuelle kommt, muss noch aufgeklärt werden. Seine familiären Hintergründe, in denen Homosexualität ebenfalls eine Rolle spielt, haben Nicole Dolif, Christian Unger und Julian Würzer recherchiert.
Der Terroranschlag zeigt: Islamisten sind brandgefährlich. Sie greifen die freie, diverse Gesellschaft an, in der wir leben. Auch wenn das sogenannte Kalifat des IS zerschlagen ist, sind seine Anhänger weiter aktiv – in Deutschland, Syrien, im Irak und in Afrika. Christian Unger hat untersucht, wie sich die Szene verändert hat, warum sie kein Kalifat mehr braucht und wie soziale Medien die Radikalisierung vorantreiben. Die Sicherheitsbehörden stehen vor neuen Herausforderungen.
Stauber hofft, dass sich die Menschen an diesem Wochenende nicht einschüchtern lassen. Weitere CSD-Veranstaltungen in Deutschland sollen trotz der Bedrohung stattfinden – als Feier und Demonstration für die Rechte der queeren Community. Ihr Appell: Lassen wir uns nicht spalten. Der beste Schutz gegen Hass ist eine Gesellschaft, die Zusammenhalt zeigt.



