In einem offenen Brief an EU-Ratspräsident António Costa, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den irischen Regierungschef Micheál Martin, dessen Land derzeit den EU-Ratsvorsitz führt, erheben 22 europäische Staats- und Regierungschefs schwere Vorwürfe gegen Madrid. Das Schreiben, das von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen initiiert wurde und auch Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichnet hat, spricht von „großer Besorgnis“ und sieht in den jüngsten Entscheidungen Spaniens gefährliche „Anreize für irreguläre Migration“.
Konkret prangern die Unterzeichner die von der sozialistischen Regierung eingeleitete Legalisierung von rund 500.000 Migranten ohne Papiere an. Diese Maßnahme, die als Antwort auf den Arbeitskräftemangel gedacht ist, sende ein fatales Signal, heißt es. Zudem verweisen die Regierungschefs auf ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs: Die sofortige Zurückweisung von Migranten ist demnach nur noch zulässig, wenn diese beim Grenzübertritt einen Zaun oder eine andere Sperre überwunden haben. Für Menschen, die über das Meer oder unbefestigte Abschnitte gelangen, muss eine Einzelfallprüfung erfolgen – eine Entscheidung, die laut Brief „benutzt worden ist, um diesen Angriff auszulösen“.
Offener Brief mit klarer Botschaft
„Wir können nicht zulassen, dass unkontrollierte Massenübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck entstehen lassen, dass eine illegale Einreise in die Europäische Union möglich ist“, heißt es wörtlich in dem Schreiben. Die Unterzeichner fordern eine „sofortige und koordinierte europäische Reaktion“ und bitten den EU-Ratsvorsitz, umgehend eine außerordentliche Videokonferenz der Innenminister einzuberufen, um über zusätzliche Unterstützung für Spanien und den Schutz der EU-Außengrenzen zu beraten.
Neben Spanien und Irland haben auch Frankreich, Luxemburg und Portugal den Brief nicht unterschrieben. Spanien ist damit auf EU-Ebene weitgehend isoliert – auch wenn sich Madrid energisch gegen die Vorwürfe zur Wehr setzt.
Spaniens Antwort: Gegenangriff per Brief
Ministerpräsident Pedro Sánchez hat die Kritik in einem eigenen Schreiben an die Spitzen der EU-Institutionen scharf zurückgewiesen. Er wirft den kritisierenden Staaten eine Haltung vor, die „von Vorurteilen, Falschinformationen, Unwissenheit oder politischen Interessen motiviert“ sei. Sánchez schreibt wörtlich: „Im gegenwärtigen internationalen Kontext kann sich die Europäische Union eine solche egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion nicht leisten.“
Sánchez forderte zugleich eine digitale Sondersitzung der Innenminister aller 27 EU-Staaten – ein Vorschlag, der sich auch in dem offenen Brief der EU-Staats- und Regierungschefs findet. Zudem hatte der spanische Regierungschef die Ereignisse bei einem Besuch in Ceuta als „Angriff“ auf die territoriale Integrität seines Landes bezeichnet und machte von „Schleusermafia“ verbreitete Gerüchte über eine angeblich geöffnete Grenze für den Ansturm verantwortlich.
Die Lage in Ceuta: Massenansturm und Dutzende Tote
Auslöser des Streits ist die Ankunft Zehntausender Migranten in der spanischen Exklave Ceuta. Nach Angaben der örtlichen Regierung gelangten seit Wochenbeginn rund 60.000 Menschen auf dem Land- oder Seeweg von Marokko nach Ceuta. Mindestens 67 Migranten kamen ums Leben – die meisten ertranken auf dem Schwimmweg, wie der staatliche Fernsehsender RTVE unter Berufung auf das Innenministerium berichtet.
Die Regierung in Madrid erklärte am Freitagabend, „fast alle“ Ankömmlinge seien inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt. Außenminister José Manuel Albares betonte, niemand habe unkontrolliert die Grenze zum EU-Festland überschritten – was auch rechtlich nicht möglich sei: Für Ceuta gilt die Freizügigkeit des sonstigen Schengen-Raums nicht. Diese Einschätzung bestätigte EU-Migrationskommissar Magnus Brunner: „Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.“
Militär und Polizei im Einsatz
Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, entsandte die spanische Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta – der erste Militäreinsatz an der Grenze seit 2021. Auf Videos ist zu sehen, wie Hunderte Migranten mit Schwimmreifen über das Meer kommen oder Tore im Grenzzaun durchbrechen. Marokkanische Behörden setzten in der Grenzstadt Fnideq Wasserwerfer ein, um weitere Übertritte zu verhindern.
Auch an der Grenze zur spanischen Exklave Melilla kam es nach RTVE zu Zusammenstößen: Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, Migranten warfen Steine. Ob Einzelne die Grenze überwanden, blieb zunächst unklar.
Rechte Politiker wittern eine „Invasion“
Rechtspopulistische und konservative Politiker in Europa und den USA nutzen die Krise für harte Angriffe auf Spanien. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sprach von „schockierenden“ Bildern und drohte zeitweise mit dem Aussetzen der Schengen-Zusammenarbeit mit Spanien; tatsächlich führte Rom für zunächst einen Monat wieder Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr ein. US-Präsident Donald Trump sagte bei einer Kabinettssitzung, die Bilder aus Ceuta sähen „wie eine Invasion eines Landes durch Hunderttausende von Menschen“ aus. AfD-Chefin Alice Weidel bezeichnete Ceuta als „verwüstet“ und forderte eine möglichst harte Abschottung.
Spaniens Regierung weist die Schengen-Drohungen als „demagogisch“ zurück. Von der Nachrichtenagentur AFP befragte Juristen erklärten, ein Ausschluss wäre nach geltendem EU-Recht nicht möglich. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei (PP) sprach unterdessen von einer Gefahr für die nationale Sicherheit und machte Sánchez für die Eskalation verantwortlich.
Ursachen der Eskalation: Gerichtsurteil oder Schlepperei?
Madrid macht vor allem kriminelle Schlepperbanden für den Ansturm verantwortlich: Sie hätten das Urteil des Obersten Gerichtshofs ausgenutzt und unter Migranten das Gerücht einer „offenen Grenze“ verbreitet. Zwei Migrationsexpertinnen hielten die Gerichtstheorie gegenüber dem Tagesspiegel jedoch für unplausibel. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ wies zudem darauf hin, dass im gesamten Jahr 2025 lediglich sechs Migranten illegal nach Ceuta gelangten und bis zum 15. Juli dieses Jahres kein einziger – ein Beleg für die bis dahin effektive Grenzsicherung.
Beobachter erinnern an den Mai 2021, als innerhalb weniger Tage rund 10.000 Menschen die Exklave erreichten, nachdem Marokko die Grenzkontrollen nach einem diplomatischen Disput ausgesetzt hatte. Die Migrationsexpertin Ruth Ferrero-Turrión von der Universidad Complutense in Madrid sagte dem Tagesspiegel: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“ Auch die spanische Zeitung „El País“ berichtete, schon Tage vor dem Ansturm habe sich in Marokko die Nachricht verbreitet, die Einreise nach Spanien sei plötzlich einfach möglich.
EU-Solidarität auf dem Prüfstand
Die Krise führt eindrücklich vor Augen, wie schnell die Lage an den europäischen Außengrenzen eskalieren und in einen innereuropäischen Verteilungskampf münden kann. Während ein Teil der EU-Staaten auf schnelle Grenzkontrollen und strikte Abweisung setzt, beharrt Spanien auf einer Kombination aus humanitärer Aufnahme und geordneter Rückführung. Der Streit um die Lastenteilung in der Migrationspolitik dürfte damit noch lange nicht beigelegt sein – die Forderung nach einer gemeinsamen, solidarischen Antwort bleibt vorerst unerfüllt.



