Elektrische Hirnstimulation kann Altruismus steigern: Experiment zeigt neuronale Grundlage
Hirnstimulation steigert Altruismus: Experiment zeigt Wirkung

Elektrische Impulse fördern selbstloses Verhalten: Studie enthüllt neuronale Mechanismen

Warum handeln manche Menschen selbstlos, während andere eher auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind? Eine internationale Forschungsgruppe hat nun einen faszinierenden Ansatz gefunden, um diese Frage zu beleuchten. Durch gezielte elektrische Stimulation bestimmter Hirnregionen gelang es den Wissenschaftlern, altruistisches Verhalten bei Versuchspersonen künstlich zu verstärken – wenn auch in bescheidenem Maße.

Die neuronale Basis der Großzügigkeit

„Altruismus bildet das Fundament für Kooperation und Solidarität in menschlichen Gesellschaften“, erklären Jie Hu von der East China Normal University in Shanghai sowie Marius Moisa und Christian Ruff von der Universität Zürich in ihrer aktuellen Publikation im Fachjournal PLOS Biology. Ein Mangel an selbstlosem Verhalten sei charakteristisch für verschiedene psychiatrische und neurologische Störungen und trage zu zahlreichen gesellschaftlichen Problemen bei.

Bereits in einer früheren Untersuchung hatte das Team nachgewiesen, dass Altruismus häufig dann auftritt, wenn zwei spezifische Hirnareale – der Frontallappen und der dahinterliegende Parietallappen – gleichzeitig aktiv sind. Die aktuelle Studie zielte darauf ab, zu erforschen, was geschieht, wenn diese beiden Regionen durch externe Impulse synchron angeregt werden.

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Das Diktator-Spiel mit echten finanziellen Anreizen

Für das Experiment rekrutierten die Forscher 44 Probanden, die das sogenannte Diktator-Spiel absolvierten – eine in der psychologischen Forschung etablierte Methode. Dabei mussten die Teilnehmer in mehreren Durchgängen entscheiden, wie sie einen Geldbetrag von 60 Schweizer Franken (etwa 65 Euro) zwischen sich selbst und einem anonymen Mitspieler aufteilen wollten. „Es ging um echtes Geld“, betont Studienautor Christian Ruff.

Während eines Teils der Durchgänge wurden der Frontal- und der Parietallappen der Probanden über zwei am Schädel angebrachte Elektroden elektrisch stimuliert, um die neuronale Aktivität zu synchronisieren. Das Ergebnis war eindeutig: Unter dem Einfluss der Stimulation zeigten sich die Versuchspersonen ihren Mitspielern gegenüber etwas großzügiger als in den Kontrollphasen ohne Stimulation.

Kleine, aber signifikante Effekte mit großem Potenzial

„Der Effekt war klein, aber deutlich“, erläutert Ruff. Die optimale Frequenz und Methode für die Stimulation müsse noch ermittelt werden, doch der Neurowissenschaftler ist zuversichtlich: „Ich glaube, dass da noch mehr drin ist.“ Zunächst stehe jedoch das grundlegende Verständnis der neuronalen Zusammenhänge im Vordergrund. „Wir haben nun einen Anhaltspunkt, und jetzt können wir dem auf den Grund gehen.“

Der Psychologe Tobias Kalenscher von der Universität Düsseldorf, der nicht an der Studie beteiligt war, bewertet die Arbeit als „gut durchdacht und durchgeführt“. Sie belege kausal, dass das Zusammenspiel der beiden Hirnareale Menschen altruistischer machen könne – auch wenn der Effekt derzeit noch relativ gering ausfalle.

Therapeutische Perspektiven und langfristige Visionen

Bis zu einer möglichen klinischen Anwendung sei es jedoch noch ein weiter Weg, betonen Fachleute. Umfassende Studien wären notwendig, um die Sicherheit und Wirksamkeit solcher Interventionen zu validieren. Bislang halte der altruistische Effekt durch eine einmalige Stimulation nur kurz an, räumt Ruff ein. „Aber wenn man das wiederholt macht, kann man im Prinzip möglicherweise länger anhaltende Effekte haben“, so der Forscher. Er zieht eine Parallele zu Physiotherapie oder Fitnesstraining: Auch dort führten erst regelmäßige Wiederholungen zu nachhaltigen Erfolgen.

Kalenscher verweist darauf, dass andere Formen der Hirnstimulation bereits therapeutisch gegen Depressionen eingesetzt werden. Es sei durchaus denkbar, dass die nun erprobte Methode mittelfristig dazu beitragen könnte, soziales Verhalten anzuregen und Empathie auszulösen – insbesondere bei Personen mit Störungen wie Gefühlsblindheit oder Psychopathie.

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Die Studie öffnet somit ein faszinierendes Fenster in die neurobiologischen Grundlagen menschlicher Moral und Kooperation. Während die unmittelbaren Effekte der Stimulation bescheiden bleiben, weisen die Ergebnisse auf ein beachtliches Potenzial für zukünftige Forschung und mögliche therapeutische Anwendungen hin.