Neue Studien zu Kalkriese: Wo blieben die Frauen und Sklaven der Varus-Legionen?
Kalkriese-Studien: Frauen und Sklaven der Varus-Legionen fehlen

Neue Erkenntnisse aus Kalkriese: Die Rätsel der Varus-Legionen

Der Teutoburger Wald gilt als einer der faszinierendsten Erinnerungsorte der deutschen Geschichte. Im Jahr 9 n. Chr. vernichteten Germanen unter Führung des Arminius die Armee des römischen Statthalters Varus im Teutoburgiensis saltus, wie der Historiker Tacitus berichtet. Generationen haben sich an der Suche nach dem genauen Schlachtort abgearbeitet, wobei der Kampf um die Lokalisierung fanatisch geführt wurde und etwa 700 Vorschläge hervorgebracht hat. Seit den 1980er-Jahren kommen in Kalkriese am Nordrand des Wiehengebirges zahlreiche Funde ans Licht, die einen militärischen Zusammenstoß zwischen Römern und Germanen bezeugen und in die späte Regierungszeit des Augustus oder seines Nachfolgers Tiberius datiert werden.

Archäologische Studien liefern wegweisende Ergebnisse

Mit Unterstützung der Volkswagen Stiftung wurde das Projekt „Kalkriese als Ort der Varusschlacht – eine anhaltende Kontroverse“ aufgelegt. Das Ergebnis sind zwei wegweisende Studien, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bergbau-Museum/Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen in Bochum und der Universität München entstanden und im Varusschlacht-Museum und Park vorgestellt wurden. Die Archäologin Uta Schröder untersuchte insgesamt 5400 Kleinobjekte, darunter mehr als 1000 unveröffentlichte. Diese bestätigen, dass in Kalkriese ein großes römisches Heer gekämpft hat. Ausrüstungsgegenstände belegen die Anwesenheit von Legionären, Reitern, Ärzten, Schreibern und verweisen auf Rekrutierungsgebiete am Niederrhein sowie eine frühere Stationierung in Spanien.

Auffällig ist jedoch das Fehlen bestimmter Spuren: Nur drei Schleuderbleie wurden gefunden, und diese sind Altfunde, die aus anderen Zusammenhängen stammen könnten. Auch von der hoch entwickelten römischen Artillerie lassen sich nur wenige Bolzen nachweisen. Dies steht im Gegensatz zum Befund auf dem bekannten Schlachtfeld am Harzhorn im Landkreis Northeim, wo Römer unter der Führung des Kaisers Maximinus Thrax 235/6 mithilfe von Torsionsgeschützen den Sieg über Germanen erringen konnten. Zudem konnte die Archäologin nur wenige Spuren eines Trosses identifizieren, der für ein Heer von 20.000 Mann zu erwarten wäre, selbst wenn es bereits hohe Verluste hinnehmen musste.

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Das Rätsel um Frauen und Sklaven

Der römische Historiker Cassius Dio berichtet, dass die Legionen viele Wagen, Lasttiere, Kinder, Frauen und einen stattlichen Sklaventross mit sich führten. Doch Uta Schröder zieht Bilanz: „Kein Objekt aus Kalkriese belegt die Anwesenheit von Frauen“, was übrigens auch für die Germanen gilt. Verschiedene Erklärungen sind denkbar: Das Fehlen germanischer Artefakte bezeugt ihren Sieg, da sie wertvolle Metallstücke plünderten und ihre Toten mitnehmen konnten. Arminius selbst war Offizier der römischen Hilfstruppen und dürfte wie Römer ausgerüstet gewesen sein. Cassius Dio, der mehr als 200 Jahre nach der Varusschlacht schrieb, könnte sich eines literarischen Topos bedient haben.

Stefan Burmeister, Geschäftsführer Varusschlacht im Osnabrücker Land, bietet eine andere Lösung: „Varus und seine Legionen befanden sich nicht auf einem Kriegszug. Ihr Auftrag war eine Demonstration, um den Bewohnern Germaniens die Macht Roms vor Augen zu führen. Schließlich sollte das Land als Provinz organisiert werden.“ Eine derartige Operation könnte das Fehlen von Tross, Frauen und Sklaven erklären. Dies wäre auch ein weiteres Indiz für die Lokalisierung der Schlacht, da Feldzüge unter Germanicus 14–16 von vollständig ausgerüsteten Legionen unternommen wurden, von denen in Kalkriese bislang keine Spuren gefunden wurden.

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Metallurgische Untersuchungen bestätigen die 19. Legion

Die metallurgischen Untersuchungen von Annika Lüttmann liefern starke Argumente für die Varusschlacht. Bereits 2022 deuteten Vorberichte auf eine Sensation hin, die nun von der Dissertation der Chemikerin bestätigt wird: In Kalkriese haben Soldaten der 19. Legion gekämpft. Da dieser Großverband zusammen mit der 17. und 18. Legion im Teutoburgiensis saltus untergegangen ist und nie wieder aufgestellt wurde, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass in Kalkriese die Varusschlacht geschlagen wurde. Annika Lüttmann analysierte rund 350 Objekte aus Buntmetallen mit einem innovativen Verfahren im Deutschen Bergbaumuseum Bochum.

Die Methode basiert auf der Erfahrung, dass Gürtelschnallen, Riemenhalter oder Fibeln aus Bronze oder Messing von den Handwerkern der Legionen wiederholt eingeschmolzen wurden. Dabei gerieten Spuren aus der Umgebung in das Metall und führten zur Ausbildung eines charakteristischen Musters in der Zusammensetzung der Spurenelemente. „Wir können daher den Legionen, von denen wir wissen, an welchen Lagerstandorten sie stationiert waren, einen eigenen legionsspezifischen metallurgischen Fingerabdruck zuordnen“, erklärt Annika Lüttmann. Fündig wurde sie in Dangstetten im Landkreis Waldshut, wo Inschriften belegen, dass dort ab etwa 15 v. Chr. zumindest Teile der 19. Legion stationiert waren.

Beim Abgleich der Funde aus Kalkriese mit denen aus Dangstetten stellten sich signifikante Übereinstimmungen fest, während es signifikante Unterschiede bei Buntmetallen aus den Standorten der 2., 13., 20. und 21. Legion gab. Quellen belegen, dass diese Einheiten unter Germanicus 14–16 in Germanien im Einsatz waren, was gegen einen Einsatz von dessen Heer in Kalkriese spricht. Dennoch wahrt Stefan Burmeister wissenschaftliche Vorsicht: „Die Arbeit von Annika Lüttmann zeigt einmal mehr, wie neue naturwissenschaftliche Methoden die Archäologie befruchten.“ Gleichwohl wolle man ergebnisoffen weiterarbeiten.

Die anhaltende Kontroverse und methodische Herausforderungen

In den kommenden Jahren soll der Fokus auf die Frage gelegt werden, ob die Römer bei Kalkriese in einen Hinterhalt der Germanen geraten sind oder ob sie noch einmal zur Verteidigung ein Marschlager anlegen konnten, von dem antike Autoren berichten. Die Kontroverse um die Lokalisierung der Varusschlacht dürfte dennoch weitergehen. Dass leidenschaftliche Lokalpatrioten ihre Ansichten verteidigen, ist verständlich, doch die Hyperkritik, mit der auch ausgewiesene Wissenschaftler immer wieder neue Zweifel anführen, rührt an einem methodischen Problem der Altertumswissenschaften. Ihre zumeist dürftige Quellengrundlage erlaubt selten eine abschließende Rekonstruktion historischer Vorgänge. Würde man denselben Maßstab für Plausibilität, wie er für Kalkriese eingefordert wird, an viele andere Überlieferungen anlegen, bliebe von ihnen nur wenig übrig.

Die neuen Studien aus Kalkriese liefern somit wertvolle Einblicke in die römische Militärgeschichte und die komplexe Archäologie der Varusschlacht, während sie gleichzeitig offene Fragen zu Frauen, Sklaven und der genauen Natur des Konflikts aufwerfen.