In der Nacht zum 1. August hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew erneut mit ballistischen Raketen angegriffen. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko kamen mindestens neun Menschen ums Leben, mehr als 30 wurden verletzt, darunter vier Minderjährige. Es seien Brände ausgebrochen und Wohnhäuser sowie andere Gebäude in mehreren Stadtteilen beschädigt worden.
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland habe insgesamt 35 Raketen und Marschflugkörper sowie 185 Drohnen eingesetzt. Nur eine einzige ballistische Rakete sei abgefangen worden – „einfach weil es keine Raketen für Patriot-Systeme gibt“, schrieb er in sozialen Medien. Er appellierte an die Verbündeten: „Wir brauchen Antworten auf diesen russischen Terror, echte Antworten von der Welt.“
Patriot-Raketen und die Debatte um Produktionslizenzen
Die Ukraine dringt angesichts der massiven Luftangriffe auf eine rasche Stärkung ihrer Luftverteidigung. Die Regierung in Kiew verhandelt nach Angaben von Botschafterin Olha Stefanischyna mit dem US-Verteidigungsministerium über eine Erlaubnis, Patriot-Abfangraketen selbst zu produzieren. Dieser Prozess könne jedoch ein bis fünf Jahre dauern, sagte sie in Washington. Vertreter der Hersteller Raytheon und Lockheed Martin seien bereits in der Ukraine gewesen.
US-Präsident Donald Trump äußerte sich in einer Kabinettsitzung zurückhaltend zu Lizenzen: „Wir haben dem nicht zugestimmt. Wir sprechen darüber.“ Erst Anfang Juli hatte er eine solche Lizenz in Aussicht gestellt, nach einem Gespräch mit Selenskyj im Weißen Haus war der ukrainische Präsident jedoch von einer Zusage ausgegangen. Die Ukraine beklagt, dass Schutzsysteme wie Patriot die einzigen wirksamen Mittel gegen russische Ballistikraketen sind.
Heftige Angriffe auf Regionen Cherson und Dnipro
Bei einem russischen Luftangriff auf die südukrainische Region Cherson sind mindestens eine Bewohnerin getötet und sieben weitere Menschen verletzt worden. Der Leiter der regionalen Militärverwaltung, Olexander Prokudin, berichtete auf Telegram von mehreren beschädigten Gebäuden und Fahrzeugen. In Nikopol in der Region Dnipro traf ein Drohnenangriff einen Minibus, sieben Insassen wurden verletzt. Der Militärverwalter Olexander Ganscha sprach von einem „gezielten und zynischen Angriff auf Zivilisten“.
Das russische Verteidigungsministerium beansprucht derweil die Einnahme zweier weiterer Dörfer: Olgiwka in der Region Charkiw und Ljubytske in der Region Saporischschja. Diese Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen.
Schwarzes Meer: Angriffe auf Häfen, Raffinerien und Frachter
Russlands Streitkräfte haben nach eigenen Angaben Treibstofftanks im Hafen Odessa und einen Schlepper im Hafen von Mykolajiw attackiert. Die ukrainische Seite meldete ihrerseits Angriffe auf die Infrastruktur dreier Ölraffinerien in der russischen Region Baschkortostan sowie auf ein Containerschiff. Präsident Selenskyj teilte mit, das sanktionierte Schiff „Yanina“ sei versenkt worden.
Der russische Atomkonzern Rosatom berichtete zudem, ein Frachter sei durch einen ukrainischen Drohnenangriff im Schwarzen Meer gesunken; die 17 Besatzungsmitglieder seien gerettet. Die russische Getreidelobby warnte vor einem Stopp der Getreideexporte über das Schwarze Meer. Bis zu 35 Millionen Tonnen Weizen – etwa 15 Prozent des Welthandels – könnten ausfallen. Das treibe die Preise und verschärfe Hungerrisiken in Afrika und im Nahen Osten, hieß es.
AKW Saporischschja: 23. Stromausfall seit Kriegsbeginn
Das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja hat nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zum 23. Mal seit Kriegsbeginn seine externe Stromversorgung verloren. Die Ursache des fast zweistündigen Ausfalls sei noch unklar, teilte die Behörde mit.
Russische Rakete über Polen: Nato zeigt sich alarmiert
Die polnische Regierung bestätigte, dass ein über Polen abgestürztes Geschoss eine russische Marschflugkörper vom Typ Ch-101 war. Sie war bei schweren russischen Angriffen auf die Ukraine in den Luftraum des Nato-Staates eingedrungen und nahe dem Ort Tarnawa Kolonia explodiert. Es gab keine Verletzten. Nato-Generalsekretär Mark Rutte sprach von einem „weiteren rücksichtslosen Akt Russlands“ und sicherte Polen Solidarität zu.
Die polnische Luftwaffe fing zudem ein russisches Aufklärungsflugzeug vom Typ Il-20 über der Ostsee ab. Nach Angaben von Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz flog es ohne Flugplan und mit ausgeschaltetem Transponder – 40 Kilometer nördlich von Kolobrzeg.
Drohnenangriffe auf russische Logistik
Die Ukraine attackierte nach Selenskyj-Angaben auch Logistikeinrichtungen in den Regionen Sarapul, Kasan und Wolgograd sowie einen Seehafen in der Region Krasnodar. In Wolgograd geriet ein Logistikzentrum des Online-Händlers Wildberries nach einem Drohnenangriff in Brand. Die Ukraine argumentiert, über den Online-Handel werde auch das russische Militär beliefert. Seit dem 18. Juli seien bereits mindestens ein Dutzend Lagerhäuser von Wildberries angegriffen worden, auch Ozon musste ein Lager in Tatarstan evakuieren.
Bei einem russischen Angriff auf Krywyj Rih ist Insidern zufolge erstmals seit fast einem Jahr wieder eine nordkoreanische Rakete abgefeuert worden. Russland verfüge offenbar über neue Waffenvorräte, hieß es. Rumänien ließ zudem wegen Flugkörpern nahe der Grenze zur Ukraine Kampfjets aufsteigen.
Die Ukraine begründet die Angriffe auf Online-Händler und Logistikzentren damit, dass auf diesem Weg auch das russische Militär beliefert werde. Die Bevölkerung in Kiew leidet derweil weiter unter den nächtlichen Luftangriffen – viele verbrachten die Nacht wieder in U-Bahn-Stationen.



