Baden-Württemberg glänzt beim Solarausbau, doch bei der Windenergie dümpelt das Land ebenso wie Bayern vor sich hin – obwohl die Grünen seit 15 Jahren die Landespolitik mitbestimmen. Alexander Sladek, Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS), macht im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ klar: Daran sind nicht nur Berge schuld. Vielmehr verhindern Kommunen den Ausbau politisch, und die Landesforstbehörde ForstBW bremst mit ihrer Auktionspraxis. Sladek fordert Tempo bei Genehmigungen und eine grundlegende Reform der Flächenvergabe.
Herausforderungen im Hochschwarzwald
Die EWS Schönau betreibt im Südschwarzwald den höchstgelegenen Windpark Deutschlands: Die fünf Anlagen am Rohrenkopf stehen 1168 Meter über dem Meeresspiegel und leisten jeweils drei Megawatt. „Die Topografie ist herausfordernd“, sagt Sladek. Man müsse die tonnenschweren Anlagen erst auf den Berg bringen. Windhöffigkeit allein reiche nicht aus.
Auch die Optik spiele für manche Anwohner eine Rolle. „Ich treffe nach wie vor Menschen, denen die Optik von Windrädern auf dem Bergrücken nicht gefällt“, so der EWS-Vorstand. Er selbst hat daran wenig auszusetzen: „Ich finde Windräder schön – insbesondere, wenn sie sich drehen.“
Solar floriert, Wind hinkt hinterher
Bei der EWS ist die installierte Photovoltaikleistung etwa doppelt so hoch wie die der Windkraft. Dennoch liefern beide Technologien ähnlich viel Strom, weil Windräder mehr Jahresvollnutzungsstunden erreichen. „Es ist häufiger windig, als dass die Sonne scheint“, erklärt Sladek. Der Solarausbau sei bundesweit auf einem hervorragenden Niveau, ergänzt er – auch wenn es im Süden an passenden Flächen und Netzanschlüssen mangele. Ein starker Flächenkonflikt mit der Landwirtschaft existiere nicht.
Ein wachsendes Problem sieht Sladek in der Strommenge: „Wir erzeugen mittlerweile zu vielen Zeitpunkten so viel Strom aus Sonnenenergie, dass wir uns fragen müssen, was wir damit machen.“ Er plädiert für den Aufbau einer Wasserstoffproduktion, die aber bislang kein Geschäftsmodell habe. „Niemand investiert in einen Elektrolyseur. Deshalb sollten Pilotvorhaben mit öffentlichen Geldern unterstützt werden.“
Langsame Behörden und waghalsige Trassen
Bundesweit ist die Delle aus dem Jahr 2017 beim Windkraftzubau überstanden; in diesem Jahr könnte ein Zubaurekord erreicht werden, der sich in den kommenden Jahren jeweils verdoppelt. Doch Bayern und Baden-Württemberg spüren davon kaum etwas. Sladek macht dafür vor allem die Verwaltung verantwortlich. „Die Behörden arbeiten langsam, vielleicht auch übervorsichtig“, kritisiert er. Zudem fehle es an Erfahrung, weil sich die Regeln immer wieder geändert hätten. Die ausgewiesenen Flächen seien oft nur nach Windgeschwindigkeit ausgewählt worden, nicht nach Wirtschaftlichkeit. „Die wirtschaftliche Umsetzbarkeit wurde im Regionalplan nicht betrachtet“, sagt Sladek.
Ein weiterer Punkt sind die Netzanschlüsse. Sladek berichtet von Fällen, in denen der zuständige Netzbetreiber einen Anschluss in 15 Kilometern Entfernung zuweist, obwohl ein anderer Netzbetreiber einen Punkt in sieben Kilometern hätte – der aber nicht zuständig sei. „Das ist ineffizient.“ Auch die Bundeswehr kann Projekte ausbremsen, etwa wenn Windräder in Tiefflugschneisen liegen. Wegen Geheimhaltung erfahre man das oft erst spät – zu einem Zeitpunkt, an dem schon viel Geld geflossen sei.
Kommunen und ForstBW als Verhinderer
Ein heikles Kapitel sind die Pachtforderungen. Private Flächenbesitzer stellten in der Regel angemessene Forderungen, sagt Sladek. Anders sehe es bei manchen Kommunen aus: „Die Kommunen sind teilweise politisch unterwegs. Die steuern mithilfe von Pachtforderungen die Windkraftverhinderung.“ Diese Taktik sei möglich, weil Kommunen den Ausbau nicht offen untersagen dürften. Auch die interkommunale Zusammenarbeit sei suboptimal, da geeignete Standorte oft auf Bergrücken an Gemarkungsgrenzen liegen – man stelle die Windräder dann dorthin, wo die eigenen Bürger sie nicht bemerken, aber die Nachbargemeinde voll darauf schauen müsse.
Noch gravierender ist aus Sladeks Sicht das Verhalten von ForstBW, das den baden-württembergischen Staatswald bewirtschaftet. „ForstBW gehören insbesondere im Schwarzwald und auf den Höhenlagen 60 Prozent der interessanten Waldflächen“, rechnet er vor. „In der Regel wird eine Auktion durchgeführt, bei der die Pachthöhe der entscheidende Faktor ist und somit das höchste Angebot gewinnt.“ Dabei bleibe außen vor, ob das Projekt realistisch sei oder die Bürger beteiligt würden. „Das führt oft zu Projekten, die später scheitern.“
Forderungen: mehr Tempo, regionale Strompreise
Sladek richtet sich zudem gegen die Pläne von Katherina Reiche, den Ausbau erneuerbarer Energien stärker an den Netzausbau zu koppeln. „Das ignoriert allerdings den notwendigen Netzausbau“, kritisiert er. Aus seiner Sicht sind Windräder in Süddeutschland volkswirtschaftlich sinnvoller, weil sie den Transportbedarf senken. „Gleichzeitig stärkt die geografische Entzerrung Resilienz und Versorgungssicherheit.“
Außerdem spricht er sich für die Abschaffung der einheitlichen Strompreiszone aus. „Wir doktern an Problemen herum, weil wir nicht bereit sind, die Einheitszone aufzulösen“, sagt Sladek. Regionale Preise würden die gewünschte Steuerungswirkung entfalten. Die Süddeutschen hätten sich lange auf konventionelle Kraftwerke verlassen, räumt er ein: „Diese Suppe haben sie sich selbst eingebrockt, die müssen sie selbst auslöffeln.“ Gleichzeitig seien die südlichen Bundesländer wirtschaftlich stark genug, die Transformation zu schultern: „Wir können uns das leisten.“
Das Gespräch mit Alexander Sladek führten Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Es ist in voller Länge im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ zu hören.



