Berlin-Anschlag hinterlässt Spuren: CSD Hamburg fordert Solidarität
Berlin-Anschlag: CSD Hamburg trotz Angst mit Solidarität

Eine Woche nach dem islamistischen Anschlag auf eine CSD-Begleitveranstaltung in Berlin hat Hamburg seine Feier der Vielfalt mit neuer Entschlossenheit begangen. Die Veranstalter des Hamburger Pride rechnen mit rund 250.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. 60 Lastwagen dienten als mobile Bühnen für Firmen, Vereine, Parteien und die evangelische Kirche, die sich der Parade anschlossen. Die Polizei wollte noch keine konkrete Zahl nennen, hatte aber ihre Sicherheitsvorkehrungen im Vergleich zum Vorjahr deutlich verstärkt.

Zeichen gegen Hass und Gewalt

Viele der Demonstranten betonten, dass der Anschlag vom vergangenen Samstag in Berlin sie in ihrer Haltung nur bestärkt habe. Unter dem Motto „Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!“ protestierten sie lautstark aber friedlich für die Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Neben der prominenten Dragqueen Olivia Jones nahmen auch mehrere Politikerinnen und Politiker von SPD und Grünen an der Kundgebung teil, darunter der SPD-Bundestagsfraktionschef Matthias Miersch.

Miersch nutzte die Gelegenheit, um einen Appell an den Kanzler zu richten: „Es wäre ein sehr gutes Zeichen, wenn der Kanzler zu einem CSD kommen würde“, sagte er der Funke-Mediengruppe. „Ich finde es wichtig, dass wir als politische Verantwortungsträger in der aktuellen Lage Flagge zeigen.“ Der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Kundgebung der queeren Gemeinde wäre symbolträchtig, da die Regierungsparteien CDU und CSU in der Vergangenheit nur selten auf den Christopher Street Days präsent waren.

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Umfrage: Jeder Dritte fühlt sich unsicherer

Die Sorge um die eigene Sicherheit ist in der Bevölkerung nach dem Anschlag in Berlin messbar gestiegen. Das Meinungsforschungsinstitut Civey hat im Auftrag der Funke-Mediengruppe eine Umfrage durchgeführt, nach der 38 Prozent der Befragten angeben, dass ihr Sicherheitsgefühl seit dem vergangenen Wochenende „eindeutig“ oder „eher“ abgenommen hat. 54 Prozent sehen ihr Sicherheitsgefühl unverändert, während sieben Prozent sogar eine Zunahme bemerken.

Die Hamburger Polizei hat auf die Bedrohungslage reagiert und das Sicherheitskonzept für den CSD noch einmal überarbeitet. Nach Angaben der Behörde sind doppelt so viele Polizistinnen und Polizisten im Einsatz wie bei der Demonstration im Jahr zuvor. Die Beamten kontrollierten die Zugänge zur Strecke und begleiteten die Parade mit Wasserwerfern und mehreren Einsatzfahrzeugen.

Internationale Paraden von Amsterdam bis Brighton

Nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Städten wurde ein Zeichen gesetzt. In Bonn war eine traditionelle CSD-Parade geplant, ebenso im britischen Badeort Brighton. In Amsterdam fand die berühmte „Canal Parade“ auf den Grachten statt, bei der niederländische Premierminister Rob Jetten eine bemerkenswerte Botschaft an die Jugend richtete.

Jetten, mit 39 Jahren der jüngste Regierungschef der Niederlande und der erste, der offen schwul lebt, appellierte an junge LGBTIQ-Personen, sich offen zu ihrem Coming-out zu bekennen. Er sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur ANP: „Ein Coming-out ist nicht einfach, aber sobald man diesen Schritt gewagt hat, wird es nur noch besser.“ Die Demonstranten auf den Booten bejubelten Jettens Worte.

Der Anschlag, der die Szene erschütterte

Der islamistische Attentäter Abdul B. hatte am vergangenen Samstag in Berlin mit einem Auto auf einer CSD-Begleitveranstaltung mehrere Menschen angefahren. Anschließend attackierte er weitere Personen vermutlich mit einer Machete. Bei dem Anschlag starb eine Frau aus Polen, 31 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Der 21-jährige Täter konnte zunächst fliehen und wurde am Sonntagabend von der Polizei gestellt. Als er sich den Beamten nach Polizeiangaben angriff, wurde er erschossen.

Der Anschlag hat die queere Community auch in Hamburg tief getroffen. Viele Teilnehmer der Parade in Hamburg erklärten, aus Trauer und Wut gleichermaßen auf die Straße gegangen zu sein. Polizei und Veranstalter mahnten jedoch, dass die Demonstration trotz der erhöhten Gefahr als Akt der Selbstbehauptung nicht abgesagt werden sollte.

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Stonewall als Ursprung des CSD

Die weltweiten Christopher Street Days erinnern an die Aufstände von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in der New Yorker Christopher Street im Jahr 1969. Nach einer Polizeirazzia in der Bar „Stonewall Inn“ kam es im Künstlerviertel Greenwich Village zu mehrtägigen Straßenschlachten. Diese Ereignisse gelten als Auslöser der modernen LGBTIQ-Bewegung. Der CSD steht seither für Selbstbewusstsein und Sichtbarkeit – und in Zeiten wie diesen, so eine Teilnehmerin in Hamburg, auch für den Mut, sich nicht einschüchtern zu lassen.