Trump ändert Kurs: Tomahawks für Deutschland als Druckmittel gegen Putin
Oberst Markus Reisner, Militärexperte des Österreichischen Bundesheeres, sieht einen Zusammenhang zwischen den jüngsten Entwicklungen im Ukraine-Krieg und der Kehrtwende von US-Präsident Donald Trump bei der Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland. Trump hatte die ursprünglich vereinbarte Stationierung zunächst abgesagt, stimmt nun aber zu. „Aus meiner Sicht hängt das mit den Ereignissen im Iran-Krieg zusammen“, sagt Reisner im Gespräch mit ntv.de. Das iranische Regime gebe nicht nach, die gegenseitigen Raketenangriffe starteten wieder, die Straße von Hormus bleibe unsicher. Trump erkenne, dass er im Nahen Osten nicht weiterkomme und hoffe nun, mit der Ukraine einen Erfolg zu erzielen.
Dabei spiele die erfolgreiche ukrainische Drohnenoffensive eine Schlüsselrolle. „Die Ukraine greift auf KI von US-Unternehmen und auf Aufklärungsdaten der CIA zurück“, betont Reisner. Der Tomahawk-Verkauf sei daher nicht nur ein gutes Geschäft für die US-Rüstungsindustrie, sondern auch ein weiteres Druckmittel gegen Putin. „US-Außenminister Marco Rubio hat das beim Nato-Gipfel in Ankara klar ausgesprochen: Das Ziel sei eine kontrollierte Eskalation“, erklärt der Oberst. Die USA übten Druck auf Russland aus, in der Hoffnung, die Russen bis Ende des Jahres an den Verhandlungstisch zu bringen.
Ukraine setzt auf strategischen Luftkrieg: Erfolge gegen russische Treibstoffkonvois
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sei bereit für einen Waffenstillstand mit Blick auf Langstreckenangriffe, so Reisner. „Die Ukraine möchte auf jeden Fall vermeiden, dass es wieder zu einem so schweren Winter kommt wie dem letzten.“ Durch das „gläserne“ Gefechtsfeld an der Front seien kaum Offensiven möglich, daher versuche man, durch den strategischen Luftkrieg zu eskalieren. Ziel seien Verhandlungen, die zu einem Waffenstillstand im Luftkrieg führen.
Ein Paradebeispiel für den ukrainischen Erfolg seien die Angriffe auf russische Treibstoffkonvois aus Südrussland über das Asowsche Meer in Richtung Krim. „Die Angriffe der Ukrainer haben die Versorgung über den Landweg nahezu unterbrochen“, so Reisner. Die Russen versuchten dann, den Treibstoff mit Tankern übers Wasser zu transportieren. „Doch die ukrainische Armee hat es geschafft, in den vergangenen Tagen und Wochen über 90 dieser Tanker zumindest zu beschädigen, teils auch zu versenken.“ Das sei bemerkenswert.
Russland unter Druck: Schäden an der Treibstoffindustrie sind messbar
Die russische Armee suche verzweifelt nach Antworten auf die neue Bedrohungslage, so Reisner. „Klassische Antworten sehen wir natürlich bereits, etwa, dass man den Transport dezentralisiert.“ Entscheidend sei jedoch die Messbarkeit des Erfolgs. „Der Schaden für die russische Treibstoffindustrie ist massiv. Anlagen für Erdölproduktion und Lagerstätten erleiden zunehmend irreparable Schäden.“ Putin selbst sei gezwungen gewesen, eine Krisensitzung einzuberufen, und Kreml-Sprecher Dimitri Peskow nenne den Krieg plötzlich wirklich „Krieg“. „Die Russen kommen sichtbar unter Druck“, fasst Reisner zusammen.
Vor diesem Hintergrund verwundere die geplante Regierungsumbildung in Kiew, bei der Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow durch den Innenminister ersetzt werden soll. „Dieser junge Verteidigungsminister ist aus meiner Sicht der wesentliche Architekt all dieses messbaren Erfolgs“, betont Reisner. Möglicherweise sei die Regierung mit dem Erreichten noch nicht zufrieden und wolle höheren Druck aufbauen, weil die Zeit davonlaufe.
Paradoxon: Militärische Eskalation macht Waffenstillstand wahrscheinlicher
Trotz der ukrainischen Erfolge warnt Reisner vor Euphorie. „Die Russen sind noch lange nicht am Ende, weit entfernt davon. Ihre Luftangriffe haben in keiner Weise Zerstörungskraft eingebüßt, das haben wir auch gestern Nacht wieder gesehen, als sie Odessa mit Marschflugkörpern angegriffen haben.“ Die Ukraine tue sich schwer, diese abzuwehren, da es an Patriot-Munition mangele. Der ehemalige ukrainische Generalstabschef Walerij Saluschnyj mahne zu Recht, sich von den Erfolgen nicht täuschen zu lassen. „Aber auch die Russen stehen unter Zeitdruck und sind gezwungen, entweder militärisch relativ rasch ein Ergebnis zu erzielen oder einzulenken. Der Schmerz nimmt immer mehr zu“, so Reisner. „Das ist der Hintergrund für das Paradoxon, das wir gerade sehen: Militärisch spitzt sich die Lage zu, gleichzeitig wird ein Waffenstillstand wahrscheinlicher.“
China als militärischer Partner Russlands: Enge Zusammenarbeit belegt
Auf die Frage nach Chinas Rolle im Ukraine-Krieg stellt Reisner klar: „Streichen Sie das Wort ‚könnte‘ und ersetzen Sie es durch ‚das ist der Fall‘.“ Gerade am Wochenende seien geleakte Dokumente aus chinesisch-russischen Konferenzen an die Öffentlichkeit gelangt, die belegten, dass China voll und ganz in die russischen Kriegsplanungen eingebunden sei. „Im Gegenzug für Russlands Kampferfahrung stellt Peking Technologien in den Bereichen KI, Elektronik, Drohnenentwicklung und -produktion und Waffentechnik bereit. Außerdem entwickeln beide Seiten gemeinsam Raketenabwehrsysteme, Drohnenschwärme, Antidrohnenwaffen und gepanzerte Fahrzeuge sowie Pläne zum Hacken und zur physischen Störung und Zerstörung von Starlink.“
Das Ausmaß dieser Verbindung sei immer wieder ernüchternd. „China wäre in der Lage, den Russen Hochtechnologie verfügbar zu machen, um zu verhindern, dass Russland diesen Krieg verliert.“ Außenminister Wang Yi habe der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas ins Gesicht gesagt, man habe kein Interesse, dass Russland den Ukraine-Krieg verliere, denn dann würden sich die USA wieder China zuwenden. „Das mag uns jetzt empören, ich sage: Willkommen im 21. Jahrhundert, wo das Recht des Stärkeren wieder gilt“, schließt Reisner.



