Mit 105 Jahren: Hildegard Zimmermanns bewegende Lebensgeschichte aus der Müritzregion
Mit einer bemerkenswerten Mischung aus Güte und Großherzigkeit hat Hildegard Zimmermann ihren Weg durch ein Jahrhundert des Lebens gefunden. Mit stolzen 105 Jahren gehört sie zu den ältesten Bewohnern der malerischen Müritzregion und kann auf ein außergewöhnlich bewegtes Dasein zurückblicken. Trotz ihres hohen Alters strahlt sie einen erfrischenden Optimismus und eine ansteckende gute Laune aus, wenn sie aus ihrem reichen Erfahrungsschatz erzählt.
Ein Gesicht als lebendiges Geschichtsbuch
Dieses Gesicht erzählt Geschichten, die kein Buch je vollständig erfassen könnte. Die unzähligen Linien und Falten bilden ein wahres Lebensrelief ab, das Höhen und Tiefen eines ganzen Jahrhunderts dokumentiert. Bei Hildegard Zimmermann zeichnen sie jedoch vor allem eines nach: eine tief verwurzelte Herzensgüte, die allen Widrigkeiten zum Trotz erhalten blieb. Erst vor kurzem feierte sie im Seniorenheim am Park in Alt Schwerin ihren Geburtstag mit etwas mehr Besuch als üblich. „Ich habe mir an diesem Tag ein wenig die Ohren zugehalten“, erzählt sie mit einem verschmitzten Lächeln und wiederholt die Geste, bevor ihr liebenswürdiges Lächeln wieder zum Vorschein kommt.
Kindheit in einem untergegangenen Idyll
Dabei war ihr Leben alles andere als eine ununterbrochene Folge heiterer Stunden. Ihre unbeschwerte Kindheit und Jugend verbrachte sie in Gutsdorf, dem heutigen polnischen Kozia Góra in Hinterpommern, wo das Leben von der Natur und der Mitarbeit auf dem elterlichen Gutshof geprägt war. Acht Schulklassen absolvierte sie in dieser ländlichen Idylle, die damals von zahlreichen landwirtschaftlichen Großbetrieben geprägt war. „Auf unserem Hof war immer etwas los. Mein Vater war der Dorfschmied. Da kamen viele Leute“, erinnert sich die zierliche Frau. „Natürlich mussten wir Kinder auch mit anpacken, aber das haben wir gern gemacht, auch wenn nicht immer alles leicht war.“
Der Krieg reißt ein Loch ins Leben
Hildegard Zimmermann senkt den Blick und benötigt einen Moment der Einkehr, um die Bilder von damals zu sortieren. Denn der Zweite Weltkrieg riss ein tiefes Loch in ihr vertrautes Leben. In ihrem Dorf nahe Kallies, knapp 100 Kilometer von Stettin entfernt, lebten zuletzt keine 500 Menschen mehr. „Dann hat der Pole uns rausgeschmissen!“ Als 24-jährige, erblühende Frau musste sie an einem kalten Morgen im frühen Februar 1945 die wenigen Habseligkeiten auf den Pferdewagen laden und mit ihrer Schwester und den drei Brüdern ein letztes Mal auf die vertraute Heimat blicken. Wochen später erreichten sie nach einer beschwerlichen Reise Rügen, wie viele weitere Familien aus ihrem Dorf auch.
Neuanfang unter schwierigen Bedingungen
Das Gutshaus Tribbewitz wurde zur ersten Zuflucht - beengt, fremd, aber ein Anfang. Der Vater fand wieder Arbeit als Schmied, und ein Bauernhof in der Gemeinde wartete darauf, bewirtschaftet zu werden. „Bis zu sechs Kühe habe ich da gestrippt“, erinnert sich Hildegard Zimmermann und dreht dabei nachdenklich ihre Hände. Nicht nur gemolken habe sie die Tiere, sondern sie auch liebkost und mit ihnen gesprochen: „Ich war zu den Tieren so gut wie zu den Menschen.“ In den seltenen freien Abenden schlüpfte sie in das lila Kleid, das ihr Vater ihr einst gekauft hatte. Je nach Farbe des Unterrocks strahlte es anders, wenn sie sich auf dem Tanzboden drehte.
Liebe findet ihren Weg
Irgendwann fand auch die Liebe ihren Weg in ihr junges Leben. Arthur - der Bursche aus der Heimat, dessen Familie ebenfalls die Reise ins Ungewisse angetreten hatte - war allerdings lange Jahre in Kriegsgefangenschaft gewesen. Erst zwei Jahre vor der Hochzeit im Jahr 1950 kehrte er zurück. Das junge Paar blieb auf Rügen, wo Schwägerin und Schwiegermutter zum Drei-Frauen-Alltag mit Kindern und täglichem Trubel gehörten. Das Leben lebte sich zwischen den kleinen und großen Dingen von selbst, und Arbeit gab es genug.
Kleine Auszeiten und große Großzügigkeit
Trotz aller Verpflichtungen nahm sich Hildegard Zimmermann immer ihre kleinen Auszeiten. Das Lesen liebte sie ebenso sehr wie Käsekuchen und Schwarzwälder Kirschtorte. Und gestrickt hat sie zeitlebens gern - Handschuhe zu Weihnachten für alle, mit kunstvollem Zopfmuster. Bis tief in die Nacht hinein wand sie Wollfäden zu Finger- und Daumen-Hüllen, um sie zu verschenken. „Ich hab' nie was genommen. Wer etwas brauchte, der sollte es bekommen, wenn ich es geben konnte.“ Ihre Worte und ihr Blick berühren noch heute die Seele.
Späte Jahre an der Müritz
Dass sie nie an sich selbst dachte und das gewiss bis heute nicht tut, weiß auch Tochter Regina, die ihre Mutter an diesem Frühlingsnachmittag besucht. Dann ist es Zeit, den Rollstuhl durchs Dorf zu schieben und den gemeinsamen Blick auf die ersten Frühlingsblumen und Blüten zu lenken. Bruder Eckhard - ebenfalls bereits in Rente - lebt weiter fort und schafft es nicht so oft an die Müritz. Diese Region lernte Hildegard Zimmermann erst vor wenigen Jahren kennen, als der Alltag für sie und Arthur in der Wohnung des Sohnes beschwerlicher wurde und man nach einem neuen Zuhause suchte. Im Seniorenheim mit Nähe zur Tochter und einer lieblichen Landschaft sollten die Eltern es noch gut haben.
Stille Stunden der Erinnerung
Doch nur kurze Zeit nach Beginn dieses neuen Lebensabschnitts starb Arthur Zimmermann. Nun ist sie allein, und manche stille Stunde gehört den Erinnerungen. Fernsehen war nie ihre Leidenschaft, ebenso wenig die Politik. „Ich habe immer gemacht, was gemacht werden musste und mich nie gern gestritten, sondern ich wollte, dass alles gut ist“, hat sie klaglos die Jahre ziehen lassen. Auf große Reisen ging sie nie - höchstens zu Verwandten im Land oder mal nach Berlin. Dass es so viele Jahre werden würden, habe sie nie geahnt, aber auch nicht darüber nachgedacht. Es kam, wie es kommen sollte. Vielleicht hat sie ihn über all die Zeit einfach nie verraten - ihren ganz persönlichen Plan vom Glück, fragt man sich beim Blick in dieses unvergleichliche Gesicht voller Weisheit und Würde.



