Ein Jahrhundertleben voller Tanz, Käsekuchen und Herzensgüte
Im Seniorenheim am Park in Alt Schwerin lebt eine der ältesten Bewohnerinnen der gesamten Müritzregion. Hildegard Zimmermann hat vor kurzem ihren 105. Geburtstag gefeiert und blickt auf ein außergewöhnlich bewegtes Leben zurück. Trotz ihres hohen Alters strahlt sie eine bemerkenswerte Lebensfreude und Optimismus aus, die jeden Besucher sofort in ihren Bann zieht.
Die frühen Jahre in Hinterpommern
Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Hildegard Zimmermann im damaligen Gutsdorf, dem heutigen Kozia Góra in Polen. Acht Schulklassen absolvierte sie in diesem hinterpommerschen Idyll, das damals von zahlreichen landwirtschaftlichen Großbetrieben geprägt war. „Auf unserem Hof war immer etwas los. Mein Vater war der Dorfschmied. Da kamen viele Leute“, erinnert sich die zierliche Frau.
Die Mitarbeit auf dem elterlichen Gut gehörte selbstverständlich zum Alltag: „Natürlich mussten wir Kinder auch mit anpacken, aber das haben wir gern gemacht, auch wenn nicht immer alles leicht war.“ Diese frühe Prägung durch harte Arbeit und familiären Zusammenhalt sollte sie ihr ganzes Leben lang begleiten.
Flucht und Neuanfang auf Rügen
Der Zweite Weltkrieg riss ein tiefes Loch in das vertraute Leben der jungen Frau. Im Februar 1945 musste die damals 24-jährige Hildegard mit ihrer Familie innerhalb weniger Stunden ihre Heimat verlassen. Die Flucht führte sie schließlich nach Rügen, wo das Gutshaus Tribbewitz zur ersten Zuflucht wurde.
Trotz der schwierigen Umstände gelang der Familie ein Neuanfang. Der Vater fand wieder Arbeit als Schmied, und Hildegard übernahm Aufgaben auf einem Bauernhof der Gemeinde. „Bis zu sechs Kühe habe ich da gestrippt“, erzählt sie und fügt mit charakteristischer Empathie hinzu: „Ich war zu den Tieren so gut wie zu den Menschen.“
Tanzabende und kleine Auszeiten
Inmitten der harten Arbeit fand Hildegard Zimmermann stets Momente der Freude und Entspannung. Besondere Erinnerungen hegt sie an die seltenen Abende, an denen sie in ihr lila Kleid schlüpfte – ein Geschenk ihres Vaters – und auf den Tanzboden trat. Je nach Farbe des Unterrocks strahlte das Kleid dabei immer etwas anders, wenn sie sich im Tanz drehte.
Ihre kleinen Auszeiten nahm sie sich bewusst: „Ich habe immer gemacht, was gemacht werden musste, und mich nie gern gestritten, sondern ich wollte, dass alles gut ist.“ Zu ihren liebsten Beschäftigungen gehörten:
- Ausgiebiges Lesen
- Backen von Käsekuchen und Schwarzwälder Kirschtorte
- Stricken von Handschuhen mit Zopfmuster für die Familie
Ihr Lebensmotto fasst sie in einfachen Worten zusammen: „Ich hab' nie was genommen. Wer etwas brauchte, der sollte es bekommen, wenn ich es geben konnte.“
Familienleben und späte Jahre an der Müritz
1950 heiratete Hildegard ihren Jugendfreund Arthur, der nach Jahren der Gefangenschaft zurückgekehrt war. Das Paar blieb auf Rügen und meisterte gemeinsam den Alltag mit Kindern, Schwägerin und Schwiegermutter. Erst vor wenigen Jahren zogen beide in die Müritzregion, um näher bei ihrer Tochter Regina zu sein.
Doch nur kurze Zeit nach diesem Umzug verstarb Arthur Zimmermann. Seitdem verbringt Hildegard manche stille Stunde mit Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben. Fernsehen und Politik waren nie ihre Leidenschaften – stattdessen konzentrierte sie sich stets auf das Wesentliche: Familie, Arbeit und kleine Freuden.
Ihre Tochter Regina besucht sie regelmäßig und schiebt sie im Rollstuhl durch das Dorf, um gemeinsam die ersten Frühlingsblumen zu bewundern. Auch wenn Bruder Eckhard, ebenfalls bereits in Rente, nicht mehr so oft an die Müritz kommt, bleibt die Familie ein wichtiger Anker in Hildegard Zimmermanns Leben.
Die Weisheit eines langen Lebens
Mit 105 Jahren hat Hildegard Zimmermann eine beeindruckende Lebensphilosophie entwickelt. Sie hat nie darüber nachgedacht, wie viele Jahre ihr beschieden sein würden, sondern einfach gelebt, wie es sich ergab. „Es kam, wie es kommen sollte“, resümiert sie mit typischer Gelassenheit.
Ihr Gesicht – ein wahres Lebensrelief – zeugt von allen Höhen und Tiefen eines Jahrhunderts, doch was am meisten auffällt, ist die ungebrochene Herzensgüte, die aus jedem Lächeln spricht. Vielleicht hat sie ihren ganz persönlichen Plan vom Glück über all die Jahrzehnte einfach nie verraten: Ein Leben gefüllt mit Tanz, Käsekuchen und der festen Überzeugung, dass Güte und Großherzigkeit die wahren Konstanten sind.



