Ein Leben in gemeinsamer Verbundenheit: 75 Jahre Ehe in Alt Schwerin
Waltraut und Friedrich Nill verbringen ihre Tage nun in der Pflegeeinrichtung Am Park in Alt Schwerin, doch ihre Herzen sind noch immer in dem Häuschen in der Kastanienallee, wo sie fast ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben. Nach 75 Ehejahren feiern sie nun die seltene Kronjuwelen-Hochzeit – ein Jubiläum, das nur wenige Paare erreichen.
Flucht und Neuanfang als gemeinsamer Startpunkt
Ihre Geschichte beginnt mit Schicksalen, die sich ähneln: Friedrich Nill kam als junger Flüchtling aus Bessarabien – der heutigen Ukraine – mit Eltern und neun Geschwistern nach Alt Schwerin. Waltraut teilte dieses Schicksal, war mit Vater und Geschwistern in das Ackerbürgerdorf am Plauer See gezogen, nachdem sie ihre Mutter früh verloren hatte. Für sie wurde es zur Aufgabe, den Haushalt zu führen und für die Familie zu sorgen.
„Ich hab' sie schon sehr gemocht“, erinnert sich Friedrich Nill mit einem Lächeln an die ersten Begegnungen. Einen Gartenzaun gab es damals nicht, doch die Blicke über die Grundstücksgrenzen hinweg reichten aus. Waltraut, heute 95 Jahre alt, blickt ihren ein Jahr älteren Mann an: „Wir waren ja so jung.“ Auf der kleinen Couch im Seniorenheim greift er nach ihrer Hand – eine Geste, die seit über sieben Jahrzehnten Vertrautheit ausdrückt.
Die Hochzeit im Jahr 1951: Einfachheit und Substanz
Am 9. März 1951 heirateten die beiden. Das Hochzeitskleid kaufte die 20-jährige Braut von einer bereits verheirateten Frau – so war das damals üblich. Zur Feier schlachtete ihr Vater ein Lamm. „Es war eine stille, aber gute Hochzeitsfeier“, sind sich beide einig. Nicht Prunk und Pomp standen im Vordergrund, sondern die gemeinsame Lebensperspektive.
Nach der Hochzeit lebten sie zunächst bei Friedrichs Eltern, doch bald zogen sie in ihr eigenes Häuschen in der Kastanienallee. Dort wuchsen ihre beiden Kinder auf – „der Junge“ und „das Mädchen“, wie sie sie noch heute liebevoll nennen. Die Landwirtschaft bestimmte den Alltag, Arbeit war steter Begleiter, aber auch Quelle des Auskommens und der Zufriedenheit.
Das Geheimnis einer 75-jährigen Ehe
Ein Patentrezept für eine so lange und erfüllte Ehe haben die Nills nicht. Doch wer sie im umsichtigen, liebevollen Umgang miteinander erlebt, spürt die Grundsätze, die ihr Zusammenleben prägen: „Man muss einander immer zuhören, miteinander reden und auch die Meinung des anderen gelten lassen.“ Und dann fügt Waltraut Nill mit Nachdruck hinzu: „Und wenn die Sonne untergeht, dann muss man sich verziehen haben!“
Tatsächlich waren sie in all den Jahren nie einen Tag getrennt – eine bemerkenswerte Kontinuität in einer bewegten Zeit. Weder schlossen sie sich einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft an, noch ließen sie sich nach der Wende von ihrer Scholle weglocken. „Was sollten wir woanders?“, fragen sie rhetorisch. Reisen beschränkten sich meist auf Thüringen – die Heimat hatte Priorität.
Gegenwart im Seniorenheim: Dankbarkeit und Zufriedenheit
Seit knapp drei Jahren blicken sie nun vom Parterre ihres Zimmers im Seniorenheim auf den Park in der Lindenallee. Die schwarz-weißen Erinnerungsfotos an den Wänden erzählen von vergangenen Zeiten, doch das Meiste tragen sie in ihren Herzen. Spaziergänge mit dem Rollator bis an den See sind ihr heutiger Weg zum Glück.
„Wir sind dankbar und zufrieden. Nicht jeder Tag ist gleich, aber wir hatten so viel Gutes im Leben, wenn auch mit viel Arbeit. Dafür muss man einfach dankbar und zufrieden sein.“ Der Glaube gab ihnen Halt – zunächst als aktive Mitglieder der Freikirchlichen Gemeinde in Waren, jetzt durch die Teilnahme an evangelischen Gottesdiensten im Pflegeheim.
Zur Feier der Kronjuwelen-Hochzeit wünschen sie sich nichts Großes: Ein Essen mit den Familienmitgliedern, die kommen können, und gemeinsam Kaffee trinken. „Hauptsache, wir sind zusammen.“ Friedrich Nill resümiert: „Das ist alles so schnell vergangen.“ Doch in ihren Händen, die sich festhalten, ist die Zeit stillgestellt – 75 Jahre, ein Leben, eine Liebe.



